Kategorie-Archiv: Allgemein

Die Sprache – lingua secundi imperii

Diktaturen erkennt man an ihrer Sprache. Auch die alten Freunde der Diktatur verraten sich so. Neben dem üblichen Martialischen, mit dem man den Krieg zu dramatisieren sucht, ihm etwas heroisches abzugewinnen bemüht ist, gibt es jede Menge an Euphemismen und Verharmlosung.

Da wird ein Dorf nicht unter hohen Verluste gestürmt, es „wird genommen“. Das klingt, als hätte sich der General ein zusätzliches Stück Würfelzucker mit der Zange gegönnt, als hätte jemand beiläufig in das Regal der Kaufhalle gegriffen. Das Wort ist so sauber, souverän und belanglos zugleich.

In der bescheidenen militärischen Bildung, die das Schicksal mir in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts bescherte, wurde mir beigebracht, dass ein Angriff der Infanterie regelmäßig zu einem Verlust (Tote und Verletzte) von bis zu achtzig Prozent der beteiligten Soldaten führt. Und das selbst nach gründlicher Artillerievorbereitung.

Artillerievorbereitung. Wieder so ein Wort. Das hört sich an wie das sorgfältige Schnüren von frisch geputzten Fußballschuhen. Es meint aber die Beschießung gegnerischer Stellungen so lange, bis der dort vermutete Feind das Ende des Feuers und den beginnenden Angriff geradezu herbeisehnt.

Wir mussten die Truppe zurücknehmen.“ Das klingt so sauber und planvoll, als hätte der oben erwähnte General sich mit dem Würfelzucker verzählt und lege aus Sparsamkeit und Bescheidenheit das überzählige Stück zurück in die Dose.

Der Satz meint aber Rückzug, Flucht, vielleicht auch Panik und Todesangst.

Manch Tapferer blieb auf dem Felde…“. War er eingeschlafen? Hatte er bei einem Nickerchen den Feierabend verpasst? Oder blieb er in Gestalt blutiger Fetzen liegen, am Boden verstreut? Blieb er liegen, schreiend vor Schmerzen oder schreiend vor Schmerz und Angst zugleich, weil ihm keiner mehr helfen konnte, keiner sein Leben für Hoffnungslosigkeit riskieren wollte und der Feind immer näher rückte? War er gelähmt vom unerbittlichen Frost, fallendem Blutdruck?

Die Tapferkeit, der Schneid, die Kühnheit – diese Begriffe tauchen oft auf, wenn man das Versagen der Großen auf die Verzweiflung und Ausweglosigkeit des Einzelnen herunter bricht. Wohl der Zeit, die keine Helden braucht (Brecht). Und Schande über jeden Kommandeur, der seine Schwächen den einzelnen Soldaten büßen lässt. Vom „Raushauen“ ist dann die Rede.

Es gibt nur Heldenmut und nie den Mut der Verzweiflung. Es gibt Kameradschaft, Aufopferung. Aber wo bleiben die Arschlöcher? Die Idioten? Hat es die in der Truppe nicht gegeben? Oder haben die die ersten Wochen des Krieges nicht überlebt, es daher nicht in die Chroniken geschafft?

 

 

Gas

Ich recherchiere zum kleinen Ort Bolimow. Er liegt zwischen Lodz und Warschau ziemlich genau in der Mitte Polens an der neuen A2. Der Ort hat traurige Berühmtheit erlangt, weil in der Nähe von Bolimow erstmals im 1. Weltkrieg an der Ostfront Giftgas als Kampfmittel eingesetzt wurde.

Wikipedia

Der erste große Chlorangriff an der Ostfront fand bei Bolimów in Polen am 31. Mai 1915 mit 12.000 Flaschen (also 240 Tonnen Chlorgas) statt. Allerdings wurde bereits bis zu ca. 5 % Phosgen beigemischt. Weitere Angriffe waren am 12. Juni und am 6. Juli 1915. Der erste Blasangriff an der Westfront mit einer Chlor-Phosgen-Mischung erfolgte am 19. Dezember 1915 bei Wieltje in Flandern gegen die Briten mit 180 Tonnen Giftgas. Ebenso wurden Chlor-Chlorpikrin-Gemische abgeblasen, wobei der erste Angriff mit Chlorpikrin von den Russen geführt wurde.

Was finde ich bei der Internet-Recherche zu diesem Ort? Ein mit Heldenmusik unterlegtes Ballervideo http://www.youtube.com/watch?v=p9KdGpfhORM , welches die Ereignisse um 1915 nachstellt. Aber wer spielt eigentlich wen? Agieren lauter Polen? Oder haben sich tatsächlich und endlich Russen, Deutsche und Polen bei aufregenden Männerspielen irgendwie friedlich zusammengefunden?

Der Tod ist präziser geworden

Ich suche nach Orten des Todes, nach Orten des Verderbens. Ich möchte den Krieg dort stellen, wo er wirklich stattgefunden hat.

Das sind nicht die Friedhöfe mit den säuberlich aufgereihten Kreuzen. Das sind nicht die Gedenksteine mit schöner Aussicht ins Land. Selbst der Stein im Wald, der den Ort markiert, an dem man den russischen General Samsonow tot auffand, nach der Niederlage in der Schlacht bei Tannenberg, beschreibt nur einen Teil der Wahrheit. Samsonow hatte sich erschossen – aus Verzweiflung über den Verlust der Ehre, aus Solidarität mit den tausenden gefallenen Russen, aus Furcht vor dem Kriegsgericht? Wir werden es nicht erfahren. Wirklich gestorben wurde weitab von dieser Stelle auf dem freien Feld, in den Schützenlöchern.

In den Beschreibungen der Gefechte finden sich die Namen von Dörfern, Flüssen, Bächen, Seen, Eisenbahnlinien. Die taktischen Skizzen zeigen die Symbole der Einheiten und ihre ungefähre Bewegung. In den Beschreibungen der Kämpfe gibt es Karten, auf denen mit Kreisen und Ziffern im Gelände die Zahl der gefangenen Russen vermerkt wurde. Die Zahl der Toten findet man nur in den Randbemerkungen, gleich neben der Zahl der verlustig gegangenen Pferde.

Gut, die Masse der Chronisten schrieb über fremdes Terrain. Selbst als die Deutschen die von den Russen besetzten Orte in den Masuren zurück eroberten, fand niemand Zeit, die Straßennamen zu notieren.

Über die Besetzung des Dorfes Chelmno bei Lodz lese ich

Rechts von der Kirche, aus der etwa 60 Russen hervorgeholt wurden (lebendig, verwundet oder tot? d.A.), verhinderte ein Teich die weitere Flucht. Viele Feinde fanden hier ihren Tod.“

(aus „Der große Krieg in Einzeldarstellungen. Die Schlacht bei Lodz“ Oldenburg 1918, S. 20)

Eric Pawlitzky-4932

Rechts von der Kirche – kannten die Militärs keine Himmelsrichtungen?

Heute stehen die Kreuze mitten in Deutschland an gefährlichen Kurven der Bundesstraßen, darauf die Namen der Toten, manchmal Bilder, Blumen, Kerzen, Kuscheltiere.

Man kann dem Tod zusehen, mit dem Auge der Bordkamera, auf dem Video der Drohne mit frischen Daten aus dem GPS. Der Tod ist präziser geworden.

Prolog

Ein Achtel der deutschen Armee hat im ersten Weltkrieg gegen Russland gekämpft, gegen Truppen, geführt von des Kaisers Cousin . Lange Zeit auf dem Territorium des heutigen Polen.

Meine Mutter spricht vom Urgroßvater, der in Russland war. Aber Urgroßvater war in Polen. Und Polen durfte nicht Polen sein, damals und später wieder nicht.

In Tannenberg ein großer Sieg für die Propaganda, dann fraß sich die Knochenmühle vor Verdun fest.

Die Bilder vom Krieg in Polen sehen friedlich aus. Gefangene Russen wie ein Teil des Waldes, der sich endlos hinzog. Verdun ungeheuerlich wie gestern. Aber wo liegt Tannenberg?

Ich möchte die Orte des Todes finden auf harmlosen Wiesen, in schweigenden Wäldern, an Bahngleisen, am Straßenrand. Ich möchte den Orten ein Gesicht geben, wenn denn schon die Namen vergessen sind. Aber wenn wir die Orte vergessen, vergessen wir den Tod, die, die ihn brachten, die, die ihn litten.

Am schlimmsten sind die vergessenen Kriege. Sie sind gefährlich bis heute, weil sie sich so gut versteckt haben. Weil man nichts mehr sieht, nichts mehr hört.

Ich will die Orte finden, fotografieren.

Die Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit fördert meine Recherchen mit einem Stipendium. Das ist wahre Freiheit und ein schöner Beweggrund zugleich. Viva Polska!

http://sdpz.org/assets/Fundacja/Logo/FWPN_rgb.jpg