Reise nach Lodz

 Kommst Du nach Lodz und bist kulturell und historisch ein wenig interessiert, dann musst du im Hotel Savoy absteigen. Es ist ein geschichtsträchtiger Ort. gebaut in den zwanziger Jahren, muss es, wenn man dem Romancier Joseph Roth traut, nach dem 1. Weltkrieg ein wirrer Ort von Abenteurern und Gestrandeten gewesen sein.

Das Hotel Savoy in der Traugutte 6

Das Hotel Savoy in der Traugutte 6

Der Held des Romans „Hotel Savoy“ beschreibt, wie er nach drei Jahren russischer Gefangenschaft in Lodz landet, weil er von einem dort lebenden reichen Onkel Geld für die Weiterreise nach Wien erhofft. Mit nichts als ein paar Lumpen auf dem Leib, einigen Münzen in der Tasche, kehrt Gabriel Dan ein. Das Hotel teilt seine Bewohner in Klassen nach den Etagen und den Erwerbsquellen. Eine myteriöse Rolle spielt der Aufzugsführer. Aber mehr will ich nicht verraten.

Blick in den Aufzugsschacht.

Blick in den Aufzugsschacht.

Gabriel Dan wohnt im billigsten Zimmer unter dem Dach, eine Etage unter einer jungen Tänzerin und neben einer verarmten Familie. Sein Leben dreht sich bald um zweifelhafte Spekulationen, das allabendliche Varietè, die Bittgänge zum reichen Onkel, die Herüberschwappende Revolution, Planlosigkeit, Ausweglosigkeit, Hoffnungslosigkeit und Fatalismus. Dem Leser bereitet sich die gedankliche Leere eines durch die Wirren von Krieg und Gefangenschaft abgestumpften jungen Mannes aus.

Flur vor meinem Zimmer.

Flur vor meinem Zimmer.

Das Hotel Savoy, zwei Sterne, kann man auch heute noch in unterschiedlichen Preiskategorien buchen. Gewiss, die Demokratisierung und die Zeiten sind auch an den Preise nicht vorübergegangen. Ich nehme ein Einzelzimmer mit Blick in den ewig schallenden Hinterhof und zahle für drei Nächte mit Frühstück zusammen immer noch bescheidene 90 €. Ja, das Hotel würde heute immer noch als Kulisse für den Film taugen, den es zu dem Roman geben könnte, allerdings nur zu den Kapiteln, die von der Armut handeln.

Hinterhof

Hinterhof

Nach Lodz fahre ich, weil ich zu Orten der „Schlacht bei Lodz“ recherchiert habe. Es war eine groteske und sehr riskante militärische Operation, sie tobte im Wesentlichen zwischen dem 11. und 24. November 1914, die für die Deutschen in einem Desaster endete, welches letztlich durch die Propaganda als „geglückte Rettung“ der von Einkesselung bedrohten Truppen qualifiziert wurde.

Zunächst wurde der Versuch, die Stadt mit schnell vorgetragenen Angriffen zangenartig von Nordosten und Westen zu umfassen, von den sich mutig verteidigenden Russen verhindert. Die Deutschen Truppen standen nach einigen Tagen des erfolgreichen Vormarsches bei Eiseskälte in einem Korridor von mehr als 50 km Länge. Die Versorgung der Truppen mit Nachschub gestaltete sich äußerst schwierig. Immer wieder mussten sich die Einheiten nach drei Seiten gleichzeitig verteidigen, denn russische Truppen standen nicht nur in großer Zahl in der Stadt, sie kamen auch aus dem Umland von Süden und Osten den bedrängten Kameraden in Lodz zu Hilfe.

Die Ebene südlich von Lodz

Die Ebene südlich von Lodz

Auf russischer Seite standen Elitetruppen aus Sibirien. Die deutschen kämpften in Sommeruniformen. Selbst die Pferde hatten keine wintertauglichen Beschläge, so dass es immer wieder zahllose Tote gab, weil die Kolonnen an Böschungen und Furten wegen des Eises stecken blieben und zu einem leicht zu erfassenden Ziel wurden. Ohne Pferdefuhrwerk ging damals gar nichts. Munition, Verpflegung, Geschütze, Verwundete – alles war auf das Pferdefuhrwerk angewiesen. Schlecht ausgebaute Straßen verzögerten alle Bewegungen. Tumult, Orientierungslosigkeit, mangelnde Kommunikation der Truppenteile untereinander, schlaflose Nächte taten ihr Übriges. Verwundete erfroren in klirrender Kälte und eisigem Wind noch bevor sie verbluteten.

Die Deutschen hatten durchaus Vorteile: gut ausgebildete, sehr bewegliche Truppen. Es gab Einheiten, die trotz strengen Frostes und ausbleibender Verpflegung an mehreren Tagen hintereinander kämpfend und marschierend bis zu 50 km zurücklegten. Es gab ein im Vergleich zu den russischen Einheiten dezentrales, aber dennoch straffes Führungssystem mit modernen taktischen Prinzipien. Dadurch war es oft möglich, dass zahlenmäßig unterlegene Truppen, den Gegnern Paroli boten.

Es gibt einen Witz aus der DDR-Zeit über die Mangelwirtschaft: Wenn das Tischtuch zu klein ist, dann fasst es an den Ecken an und zieht es so schnell hin und her, dass man an jeder Ecke des Tisches den Eindruck hat, die Tischdecke sei groß genug.

So ähnlich agierten die Deutschen: Hinter der Front wurden Truppen mit der Eisenbahn hin und her gefahren, von Nord nach Süd, manchmal auch von Ost nach West, so dass es immer wieder gelang, die Gegner mit überraschend hoher Truppenstärke an bestimmten Abschnitten der Front zu verwirren.

In der Schlacht bei Lodz, so berichtet es das etwas chauvinistisch eingefärbte Werk „Die Schlacht bei Lodz“, mussten russische Gefangene in gleicher Ordnung wie die deutschen Truppen marschieren, die großen Pelzmützen absetzen, um so mehr deutsche Soldaten vorzugaukeln, als tatsächlich zur Verfügung standen.

Aber die Deutschen hatten (?) auch eine riesige Schwäche: Überheblichkeit.

Und immer wenn in den Schilderungen von „Schneid“, „Entschlossenheit“, „Tapferkeit“ die Rede ist, muss man sich angesichts der Ergebnisse fragen, ob die Generäle die Lage und die Aufgabe nicht kolossal falsch eingeschätzt haben, im Nachhinein Leichtsinn als Mut betitelten.

Die Deutschen angeschlagenen und sich heftig wehrend, erlebten also ein Desaster und konnten mit Mühe und Not ihre Truppen aus dem tödlich Korridor, einem Viertelkreis im Südosten der Stadt, den sie sich erstritten hatten, zurückführen. Trotz der Gefangenen, die sie machten und derer sie sich rühmten, ein tödliches Unterfangen für alle Beteiligten.

Doch die Geschichte beliebt zuweilen zu scherzen: die Russen zogen sich wenige Tage nach dem Abebben der Schlacht, am 6. Dezember 1914 sang- und klanglos aus Lodz zurück und überließen die Stadt den Deutschen letztlich kampflos. Frontbegradigung nannte man das schon damals.

Unter den Nazis wird die Stadt später umbenannt, in Litzmannstadt. Ein Witz, denn General Litzmann taucht in den 1918 verfassten frühen Chroniken nur als Randfigur auf. Das spätere NSDAP-Mitglied wird von den Nazis offenbar als „Held von Lodz“ benötigt, möglicherweise, um diesen Ort des deutschen Debakels sprachlich zu begraben.

 

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