Das Buch zum Projekt ab sofort erhältlich

Den Text-Bild-Band mit 26 Bildtafeln, den Quellentexten zu den recherchierten Orten, einer Kartenskizze und einem Essay kann man ab sofort beim Hörbild-Verlag oder via Amazon bestellen. Sämtliche Texte wurden zweisprachig ausgelegt, deutsch und polnisch. Ein schönes Geschenk für Freunde in Polen, eine Anregung zum Reisen und zur Beschäftigung mit europäischer Geschichte. Das Buch hat 72 Seiten und kostet 27,00 €. Eine Bestellung beim Verlag erspart Ihnen die Versandkosten.

Buchhändler erhalten selbstverständlich einen Händlerrabatt.Eric Pawlitzky-1 Eric Pawlitzky-1-2 Eric Pawlitzky-3

Erfreuliche Aufmarksamkeit für das Projekt

Es gibt eine Verlinkung des Portals 100 Jahre Erster Weltkrieg des Deutschen Volksbund Kriegsgräberfürsorge, auf welchem es Links zu zahlreichen Veranstaltungen, Ausstellungen und Internetangeboten zu dem Thema gibt. Auch die Ausstellungen zu Orten des 1. Weltkrieges in Polen sind vertreten.  http://100-jahre-erster-weltkrieg.eu/ausstellungen/polen.html

An folgenden Orten wird die Ausstellung zu sehen sein:

1. August bis 31. August 2014 Polnisches Kulturinstitut München, Prinzregentenstraße 7

26. August bis 30.September  2014 Regionalmuseum Elk (Masuren)

25. September bis 19. Oktober Jena Kunstraum in der Knebelstraße 19

01. November bis 16. November Atelierhaus Darmstadt

23. November bis 06. Januar 2015 Regionalmuseum Brzeziny

15. Januar 2015 bis 28. Febraur 2015 Fotogalerie Friedrichshain Berlin

8. Mai 2015 bis 06. September 2015 Kraszewski-Museum Dresden

Von 2. bis  25. Mai war der analoge Teil der Arbeit, eine Auswahl von Cyanotypien, in der Ausstellung der Sieger des Fotowettbewerbes FEX für experimentelle Fotografie im Kunsthaus Dortmund zu sehen.

Winter in den Masuren

Diese Bilder fehlten noch in meinem Projekt. Endlich Schnee. Von Elk aus fahre ich zu verschiedenen Orten, an denen im Februar 1915 die Winterschlacht in den Masuren tobte.

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Blick auf Jeze (damals “Gehsen”) von der Brücke über die Pisza.

Die 79. und 80. Reservedivision hatte infolge riesiger Schneeverwehungen im Johannisburger Forst erhebliche Marschverzögerungen und gelangte erst am Nachmittage an dem Pissek-Abschnitt. Trotzdem erzwang noch am späten Abend und in der Nacht die 80. Infanteriedivision den Bachübergang bei Wrobeln. Südlich von ihr hatte die 79 Infanteriedivision in sinkender Nacht den Wiesengrund des Pissekbaches westlich Gehsen erreicht, ohne den Übergang an diesem Tage noch erkämpfen zu können.“

 

Quelle: Die Winterschlacht in Masuren, Heft 20 aus “Der große Krieg in Einzeldarstellungen” von Redern, Oldenburg 1918

 

Tarnow Gorlice Beskidy

Im Rahmen meiner Rreise zu Orten des 1. Weltkrieges in Polen habe ich in einem Gebiet recherchiert, in dem 1915 die Schlacht bei Tarnow und Gorlice stattgefunden hat. Tarnow liegt in Südpolen, etwa 70 km östlich Krakow.  Gorlice liegt südlich Tarnow im Beskidenvorland. Bis zum Ausbruch des 1. Welkrieges gehörte diese Landschaft zu Österreich-Ungarn und war wirtschaftlich schlecht entwickelt. Die zuvor von den Russen besetzte Region wurde von österreichisch-ungarischen Truppen, unterstützt von deutschen Einheiten, im Früjahr 1915 zurückerobert. Polnische Soldaten kämpften auf beiden Seiten der Front.

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Der Dunjajez bei Glow nördlich Tarnow

Bei Glow – Grudek hatte bisher völlige Ruhe geherrscht; der Flussabschnitt war infolgedessen hier beiderseits nur schwach besetzt gewesen. Ganz unbemerkt vom Feinde ließ der Divisionskommandeur, Generalleutnant von Besser, die Vorbereitungen für einen Flussübergang seines Reserve-Infanterie-Regiments Nr. 219 treffen. Während schon am 2.5. die russischen Stellungen und Dunajec-Brücken weiter südlich zur Ablenkung starkes Feuer deutscher Batterien genommen wurden und dieses auch die Nacht anhielt, setzt an der beabsichtigten Übergangsstelle erst bald nach Mitternacht schlagartig starkes, zusammengefasstes Artilleriefeuer ein. Gleichzeitig wurde der Uferwechsel begonnen. Bereits um 3.30 Uhr vormittags waren zwei Bataillone des Regimentes übergesetzt mit einem Verluste von 4 Toten und 15 Verwundeten. Sofort wurde die genommene russische Stellung brückenkopfartig ausgebaut.

S. 59

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Höhe 342 bei Lowzcowek südlich Tarnow

Hier hatte ein polnisches Regiment in der Österreichich-ungarischen ArmeeeimDezember 1915 vier Tage lang eine Stellung gegen russische Angriffe verteidigt. Dann ging die Munition aus. Das Ganze trug sich um die Weihnachtsfeiertage zu. Überliefert ist, dass hier polnische Soldaten beiderseits der Front polnische Weihnachtslieder sangen. Eine bittere Episode in der Geschichte des polnischen Volkes, die auf der Gedenktafel an dem nahegelegenen Soldatenfriedhof leider keine Erwähnung findet. Beschrieben wird dort der besonders heldenhafte Einsatz polnischer Soldaten unter österreichischer Flagge.

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Höhe 514 westlich von Dziele

Jeder einzelne Mann, der Cieklin oder Dziele in westlicher Richtung verließ, konnte beobachtet, jede Bewegung von der glacisartig abfallenden Höhe 514 unter beobachtetes Feuer genommen werden. So konnte man von dem Gefechtsstande der Division aus unter anderem sehen, wie ein russischer Offizier bei der Entwicklung des Angriffes aus Dziele heraus mit der Pistole von hinten auf die schon stark auseinanderbröckelnde Schützenlinie schoß, um seine Leute zum Vorwärtsgehen zu zwingen. Das Schicksal ereilte ihn bald; eine schwere Granate schlug neben ihm ein. Als sich der Rauch verzog, war nichts mehr von ihm zu bemerken.

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Blich auf das Ropatal von einer Höhe westlich Bierz

Da sieht man von dem Ropatale her deutsche Schützen die kahlen Hänge hinaufkletter. Trotz feindlichen Artillerie- Infanterie- und Maschinengewehrfeuers bleiben sie in ununterbrochener Bewegung.Sie scheint nichts aufhalten zu können; bereits nähern sie sich dem Gipfel. Doch was ist das? Russische Schwarmlinien steigen hinter unseren Braven vom Ropa-Tale aus den Berghang hinan. Die Lage scheint kritisch zu werden! Unsere mühsam emporklimmende Infanterie scheint verloren! Das Herz scheint einem stillzustehen. Ein russischer Gegenangriff mit starken Massen! Und davon ahnt unsere Infanterie gar nichts. Sie ist inzwischen in einem hitzigen, erbitterten Nahkampf mit den zähen Verteidigern auf der Kuppe des Berges verstrickt. Aber während russische Geschütze in den Menschenknäuel auf dem Gipfel schießen und ihre eigenen Truppen starke Verluste beibringen, hat die deutsche Artillerie ihr Feuer auf den russischen Gegenangriff zusammengefasst. Schrappnellsalve auf Schrappnellsalve saust in die Russen hinein. In dem deckungslosen Gelände sind die Verluste schwer.

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Auf dem Plateau über dem Ropatal

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Nebel über dem Schlachtfeld vor Dierz

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Beim XXXXI. Reserve-Korps gipfelte der Tag in dem Ringen um den Wilczak-Berg. Er deckte die Stadt Biecz mit ihrem Bahnhofe und den Ropa-Brücken und war durch fünf übereinanderliegende Schützengrabenlinien befestigt. Über 100 m überragt der Gipfel das Ropa-Tal. Generalmajor Fabarius hatte den rechten Flügel seiner Division in Höhe von Zagrzany auf das rechte Ropa-Ufer übergehen lassen. Das Reserveregiment 271 ging auf dem linken Ufer gegen den Berg vor, vermochte jedoch nicht wesentlich vorwärts zu kommen, trotzdem der Gipfel des Berges dauernd unter schwerstem Artilleriefeuer lag.

 


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Blick auf die Hügel südlich Gorlice bei Ropica Ruska

Punkt 10 Uhr kletterten wir die Höhe hinauf. Von rechts über die Mulde und von oben vom Jägerhäusl bekamen wir ein übles Flankenfeuer. Immer mehr schoben wir uns kriechend und eingrabend vorwärts. Am stärksten war das Feuer von rechts seitwärts. Aber auch von vorne schossen sie noch, also waren immer noch Leute im Graben. Mit Schutzschilden versehen kletterten unsere Leute bis zum Drahthindernis vor. Bis dahin hatte unsere Artillerie, mit einem Feuerschutz dicht vor uns her, noch das Vorgehen begleitet. Am Drahthindernis, das unversehrt war, stockte das Vorgehen. Ich hatte große Sorge, wie ich da durchkommen könnte. …. Ich hinüber über das Drahthindernis. Die Leute mir nach! Der eine stolperte, der andere blieb hängen, aber bald waren wir größtenteils im Graben. …. Hier im Graben sah es schrecklich aus. Tote und scheußlich verstümmelte Russen lagen darin und dahinter. Verwundete, Gewehre, Tausende von Patronen, Kochgeschirre und allerlei Materialien lagen auf dem Boden herum. Die Artillerie und die Minenwerfer hatten schreckliche Arbeit geleistet.

S. 39 Das Bayerische Infanterie-Regiment Nr. 22 bei der Einnahme einer Höhe südlich des Zamczysko-Berges. Etwa 1km südlich Höhe 469 gelegen. Bei Ropica Ruska, südöstlich Gorlice

Gorlice war damals hefitg umkämft. In der Umgebung der Stadt gibt es zahlreiche Ölquellen, die zum Teil bis heute ausgebeutet werden. Während der Kämpfe gerieten zahlreiche Ölquellen in Brand.

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alter Ölförderturm südwestlich Gorlice, im Vordergrund ein Seilsystem, mit dem gleichzeitig mehrere Förderpumpen angetrieben wurden.

Quellen und Orte

 Quelle

Schlachten des Weltkrieges

in Einzeldarstellungen bearbeitet und herausgegeben im Auftrag des Reichsarchivs, Band 19 Tannenberg, Verfasser Oberstleutnant a.D. Theobald v. Schäfer, Oberarchivrat beim Reichsarchiv, Oldenburg/Berlin 1927, Druck und Verlag von Gerhard Stalling

 

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Felder westlich Usdau

Die russische Stellung folgte nördlich Groß Tauersee im allgemeinen dem Westabfall des Höhenrückens auf dem der große Ort Usdau liegt. Zahlreiche Dämme und Einschnitte der Bahnlinie und Usdau selbst bildeten Stützpunkte der Verteidigung, deren Nordflügel an der Windmühlenhöhe 1 km nördlich des Ortes lag. Gegen dieses, das Vorgelände um durchschnittlich 30 m überhöhende Stellung musste sich der Angreifer von Westen über deckungsloses Feld vorarbeiten, während von Norden welliges Gelände günstigere Annäherungsmöglichkeiten bot.“ S. 75

Usdau = Uzdowo

Usdau Usawa alter Bahnhof

Der alte Bahnhof von Usdau

Usdau

Am Ortsausgang von Usdau

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Straße von Tauersee nach Usdau

Die 2./ Drg.10 unter Rittm. Brix hatte von einer Höhe östlich des Ortes (Skottau) russische Infanterie und Artillerie unter Feuer genommen, die von Januschkau auf Neidenburg marschierte. „Die Russen unternahmen zuerst gar nichts, so daß wir – wie im Frieden in den wirren Haufen auf etwa 1000 m feuern konnten“. Bald aber machten die Dragoner den Musketieren vom Deutsch Ordens Rgt. Platz. Die schossen eine russische Batterie zusammen, dann ging es weiter; der Feind schien sich ergeben zu wollen. Man war schon fast 2 km ostwärts über Stottau hinaus, da griff neue russische Artillerie ein…“ S. 85

Skottau = Szkotowo

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Blick zur Straße von Januschkau nach Neidenburg vom Hügel östlich Skottau

Todmüde lagen die Verteidiger…in ihren Gräben und den leicht gebauten Unterständen. Erst allmählich erwachten sie, als das russische Artilleriefeuer gegen 7° vorm. gegen den Ort und das Hintergelände an Heftigkeit zunahm. Schlag auf Schlag fielen die Geschosse um uns nieder, ununterbrochen heulten sie durch die Luft, zersprangen mit Krachen und bewarfen uns mit Ästen und Erde. Surrend schwirrten die Sprengstücke herum … Wir lagen dicht aneinandergedrückt ganz unten in dem engen Graben, ohne einen Schutz über uns. Kein Wort wurde gesprochen. Endlich, endlich machte sich auch unsere Artillerie bemerkbar und gegen 9° gelang es ihr, das feindliche Feuer zum Schweigen zu bringen. Uns war es eine Ewigkeit erschienen, die wir in dumpfem Warten verbracht hatten…“ S. 88

Mielno = Mielno

Mühlen Mielno

Mühlen (Mielno) ehemaliges Niemandsland an der Straße nach Paulsgut, rechts befanden sich russische, links deutsche Stellungen

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Ebene hinter den detuschen Stellungen nördlich von Mielno

Weithin sichtbar beherrschte vor dem Ldw.Rgt 34 etwa 1200m westlich Klein Bössau eine ausgedehnte Kiesgrube mit ihren hochragenden Erdschüttungen das Feld wie eine mächtige Schanze. Von dort schießt der Gegner – wie sich jetzt herausstellt – aus sicherer Deckung. Von Norden versucht ihn das II. Batl. Unter Maj. von Joeden zu umfassen, nur mühsam gelingt es, die Wehrleute vorwärts zu bringen.“ S. 107

 Klein Bössau = Biesowko

Kiesgrube bei Klein Bössau

Ehemalige Kiesgrube bei Klein Bössau

Aus der Molkerei am Ortsausgang von Frögenau wurde ein Tisch herausgestellt, um die Lagekarten auszubreiten. Etwa 200m davon hatte Gen. v. Scholtz schon seit einigen Tagen seinen Gefechtsstand.“ S. 121

Frögenau = Frygnowo

Frögenau

Blick von einer Anhöhe östlich Frögenau

Der Feind scheint auf den Höhen nördlich der Maranse-Niederung zu liegen. Die 59er erreichen den Südwesteingang von Waplitz und links anschließend das Maranse-Fließ. Im heftigen feindlichen Feuer stockt der Angriff…. Teile des Regiments brechen von Westen nachher in Waplitz ein, links von ihnen stoßen andere über die Maranse-Brücke nach Norden und verschwinden im Nebel. Aber die Russen geben nicht nach. … Je mehr der Nebel schwindet, um so unerträglicher wird die Lage, um so schwerer werden die Verluste. Teile geraten ins Wanken. Es ist 5° vorbei, aber noch ist keine Hilfe zu spüren.“ S. 127

Waplitz = Waplewo

Waplitz

Die Brücke über die Maranse bei Waplitz heute

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Blick auf die Maranse-Niederung von Süden

Und nun nahm russische Artillerie von Norden her auf nahe Entfernung Adamsheide unter schnell heftiger werdendes Schrappnellfeuer, das unter Bagagen und Verwundeten eine Panik erzeugt….. Die hinterste (1. Battr), die unter Hauptmann Braun noch auf der Höhe hält, geht sofort selbständig in Stellung; die beiden anderen müssen auf schmalem Wege, von Gräben eingeengt, unter größten Schwierigkeiten im russischen Feuer kehrt machen. Ein Volltreffer schlägt in die Protze — Stangen und Mittelpferde nebst Fahrern fallen im Feuer um wie die Zinnsoldaten.“ S. 127

Adamsheide = Jadamowo

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Straße von Waplitz nach Adamsheide

Gutshaus Adamsheide

Gutshof von Adamsheide, damals Hauptverbandsplatz

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Niederungen westlich Adamsheide

Im Angriffssabschnitt der 3. Res.Div. schienen die russischen Stellungen bei dem hoch gelegenen Orte Dröbnitz besonders stark. Der zerklüftete Osthang steigt hier ziemlich steil 30-40m hoch an. Stockwerkartig übereinander lagen dort russische Gräben. … Sofort brach die Infanterie aus ihren Gräben vor und arbeitet sich durch den Drewenz-Grund an die russischen Stellungen heran….auf das am Hang sich hinaufziehende Dorf Dröbnitz und die Stellungen beiderseits davon wurde das Feuer zusammengefasst.“ S. 136 f.

Dröbnitz = Drweck

Dröbnitz

Böschungen östlich Dröbnitz

Zusammen mit dem Führer der 7. Komp. drangen wir als die ersten vom Bahnhof her in Soldau ein. … Gerade verließen die letzten Russen fluchtartig das von uns zurückeroberte Städtchen. Vor den brennenden Häusern mit verkohlten Balken und Brettern lagen gräßlich verstümmelte Leichen, Pferde und Kriegsmaterial, Geschütze und MG wirr durcheinander. Auch getötete und verwundete Einwohner fanden sich vor, darunter Frauen und Mädchen, die von den entmenschten Soldaten in nicht zu beschreibender Weise umgebracht waren. Durch ein Chaos von Rauch, Qualm und Schrapnellfeuer stießen wir dann bis zu dem gut erhaltenen Ordensschloss vor, wo sich die zurückgebliebenen Einwohner zusammenfanden, noch ganz verstört von den furchtbaren Eindrücken des Kampfes.“ S. 151

Soldau = Dzialdowo

Bahnlinie bei Soldau

Bahnstrecke nördlich Soldau

Ordensschloss Soldau

Ordensschloss in Soldau

Quelle

Schlachtfelder in Ostpreußen“ bearbeitet von aktiven und ehemaligen Offizieren im Wehrkreis I herausgegeben vom Wehrkreiskommando I 4. Auflage, Verlag Königsberger Allgemeine Zeitung Volz & Co. KG, Königsberg, 1932

In der Dämmerung will ein gefangener russischer Flieger am Bahnhof entweichen. Beim Start schießen ihn Grenadiere vom Rgt. 3 aus der Marschkolonne ab.“ S. 78

Schlacht bei Tannenberg, 28. August 1914

Neidenburg = Nidnica

Bahnhof Neidenburg

Bahnhof Neidenburg

Zwischen Siewken und Soltmaner See haben sich die Russen in zwei hintereinanderliegenden Stellungen verschanzt. … Bereits in den frühen Morgenstunden hat Gren. Rgt. 4 zwei feindliche Kompanien im Walde 1,2 km nordwestlich Wildminner See zersprengt und sich zusammen mit 1.44 am Waldrand zwei Kilometer südlich Siewken zum Angriff bereitgestellt. Es ist ein heißer Kampf, der fast den ganzen Tag um die ausgebauten Höhen südlich Siewken geführt werden muss.“ S. 111

Sommerschlacht in Masuren, 9. September 1914

Siewken = Zywki

 Eric Pawlitzky-028687Blick von dem Höhenzug östlich Siewken

Von den ostwärts des Dorfes terrassenförmig aufsteigenden Höhen überschüttet der Russe die Deutschen mit wütendem Feuer. Die feindliche Artillerie feuert aus gut verdeckten Stellungen ostwärts und südostwärts Höhe 158. Trotz guter eigener Artilleriewirkung kommt der Angriff in der Front nicht vorwärts. Auf dem rechten Flügel durchschreitet das Inf.Regt. v. Borke /4. Pomm.) Nr. 21 hart nördlich des Krugliner Sees die morastigen Wiesen im Schrapnellregen und stürmt die Höhe 164.“ S. 113

Sommerschlacht in Masuren, 9. September 1914

Kruglanken = Kruklanki

 KruglankenBlick vom Bahndamm auf Kruglanken

Eric Pawlitzky-028673Runie der Eisenbahnbrücke bei Kruglanken, 1915 und 1945 nach dem Wiederaufbau erneut gesprengt

Eric Pawlitzky-028669Sumpfniederung westlich Kruglanken

 

Im Ermland und in den Masuren – Tannenberg

Während meiner Reise durch die Masuren lese ich Alexander Solshenizyn „August 1914“ aus der Romanreihe „Das rote Rad“. Solshenizyn beschreibt erstaunlich detailliert die Ereignisse der Schlacht bei Tannenberg. Vergleichbar mit Tolstoij (und ebenso anstrengend zu lesen) schildert er auf fast 1.000 Seiten, was sich in den wenigen Tagen zutrug, nebst zahlreichen Beschreibungen zu den politischen Hintergründen im damaligen Russland und – besonders bemerkenswert – das Verhältnis von Wilhelm II. Und Zar Nikoai I. 

Beide Kaiser hatten über mehr als ein Jahrzehnt eine innige persönliche Freundschaft gepflegt. Die Vettern sind dabei sicherlich nicht immerzu aufrichtig und uneigennützig vorgegangen. Aber glaubt man Solshenizyn, so konnten sich die Herrscher vertraulich austauschen, ohne auf politische und höfische Folgen ihrer Gespräche in jeder Minute achten zu müssen. Nikolai war der eher gutmütige, Wilhelm der machtsüchtige in dieser Konstellation einsamer Herrscher.

Um so erstaunlicher ist es, dass in den entscheidenden Tagen vor dem Ausbruch des Krieges, diese vermeintliche Freundschaft nichts verhindern konnte. Nikolaus musste feststellen, dass er am Gängelband seiner Ministerialbürokratie hing, Wilhelm befand sich im Sog von Überheblichkeit, Militarismus und eigener Naivität.

Gewiss sind die Ursachen der Krieges viel komplexer. Aber die Unfähigkeit dieser „Manager“ erinnert schwer an den Ausbruch der Finanzkrise im Jahre 2008 und ihrer dilletantischen „Bewältigung“ bis heute.

Nachstehend einige Zitate aus dem Werk Solshenizyns und Fotografien der beschriebenen Orte.

An der nächsten Kurve der Eisenbahnlinie, dort wo sie scharf nach hinten, Richtung Soldau, abbog, stießen sie auf die Mörserabteilung des Korps…Sie hatten hier, an den geschützten Hängen, einen großen Munitionsvorrat gestapelt, immer wurde neue angefahren, aber geschossen wurde wenig: die Befehlsgewalt über diese Abteilung hatte der Chef der Korpsartillerie Masalski, der nirgends zu finden war und sie hatten keine klare Aufgabe, wer und wie zu unterstützen sei.“ Solshenizyn S. 270

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Hier die inzwischen still gelegte Strecke von Soldau nach Usdau.

Das Regiment stand wahrscheinlich vor der Vernichtung, und dieses jeden Soldaten treffende Todesurteil lastete auf dem Gewissen des Regimentskommandeurs, ohne jedoch die Klarheit seiner Entscheidungen zu beeinträchtigen, wo eine Verteidigungslinie verlaufen, wo ein Hinterhalt für Bajonettattacken gelegt werden musste, wie sie sich möglichst teuer verkaufen, und möglichst viel Zeit gewinnen konnten.

Die Linie fand Kabanow bei Darethen, wo die Anhöhen günstig verliefen und der eine Flügel an einen großen, der andere an eine Kette kleinerer Seen stieß, Dort hatten die Soldaten Stellung bezogen und sie den ganzen sonnigen Nachmittag gehalten, bis in den hellen Abend hinein. Dort gingen ihnen die Patronen aus, dort gingen sie dreimal mit Bajonett zum Gegenangriff vor, dort ist, im Alter von dreiundfünfzig Jahren, Oberst Kabanow gefallen und in der Kompanie von zwanzig Soldaten kaum einer am Leben geblieben. …. Was werden dies Todgeweihten an diesem Tag gedacht haben, angesichts des blauen fremden Himmels, der fremden Seen und fremden Wälder?“ S, 394

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Blick auf Darethen von den Hügeln südlich des Dorfes.

Wie hätte ein Amateurfotograf vor 100 Jahren die Orte gesehen?

Ich habe bereits vor 25 Jahren begonnen, mit historischen Kameras zu arbeiten. Aus dieser Erfahrung weiß ich, dass die früher verwendeten Objektive einen besonderen “Look” erzeugen. Dieser ist meistens gekennzeichnet von einer durchgehenden Schärfe, geringen Kontrasten, einer weichen Bildanmutung und durch die großen Filmformate auch von einer erstaunlichen Räumlichkeit.

Ich habe mir eine Kamera gekauft, die um die Jahrundertwende gebaut worden sein muss. Es ist eine Reisekamera, ganz aus Holz und Messing, das Objektiv wurde von einer Londoner Manufaktur gefertigt. Das Schöne: passend zur Kamera gab es zwei Filmkassetten, die, wenn sie beide geladen sind, vier Aufnahmen ermöglichen. Ich fotografiere mit Blende 22, denn die Linsen haben deutliche Putzspuren. Die Negative mit den Maßen 13 x 18 cm haben wie zu erwarten einen erstaunlichen Detailreichtum. Und die Tatsache, dass ich Planfilm statt der eigentlich vorgesehenen Glasplatten verwende, wirkt sich kaum aus.

Die Idee ist, bemerkenswerte Orte dieser Reise parallel mit der historischen Kamera zu fotografieren. Von den Negativen werde ich Kontaktabzüge herstellen, und zwar Cyanotypien. Cyanotypie war vor 100 Jahren ein von Amatueren bevorzugtes, preiswertes Verfahren, Fotopositive herzustellen. Einige Resultate (zunächst  abfotografierte und per Photoshop “umgekehrte” Digitalbilder der Negative) zeige ich untenstehend. Aber auch Cyanotypien werde ich hier wiedergeben. Die Chemikalien sind bereits auf dem Weg…

Soldatenfriedhof bei Brzeziny

Soldatenfriedhof bei Brzeziny

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In diesem Haus befand sich die Apotheke eines jüdischen Inhabers. Diese wurde von den Deutschen zeitweilig als Hauptquartier benutzt.

 

 

Noch einmal nach Chelmno

 

Eigentlich hatte ich die geplanten Stationen der Reise schon abgearbeitet. Aber den Montag wollte ich nicht in Lodz vertrödeln.

Im Rahmen meiner Recherche suche ich Orte des 1. Weltkrieges in Polen, an denen der Krieg in seiner engeren Bedeutung wirklich stattgefunden hat. Ich kenne die Namen der Orte, die mit den großen Schlachten verbunden werden, z.B. Lodz. Namen wie Legenden, denn sie machen das eigentliche Geschehen abstrakt, letztlich auch wieder unauffindbar.

Also recherchiere ich in Berichten, die Authentizität zumindest behaupten.

Chelmno ist so ein Ort. Ein Dorf etwa 70 km nordwestlich von Lodz. In den Berichten über die Schlacht bei Lodz gibt es eine detaillierte Schilderung des Gefechtes bei Chelmno.

 

Blick auf Chelmno in östliche Richtung

Blick auf Chelmno in östliche Richtung

 Ich fand den Ort in Google-Maps. Er hat seine Bezeichnung in den letzten 100 Jahren nicht geändert. Lediglich die kyrillischen Buchstaben mussten lateinischen weichen. Die Brücke, an der die Deutschen Deckung suchten, könnte die halb verfallene sein, die noch heute existiert und am Westrand des Dorfes über den kleinen Fluss Ner führt.

Von einem Teich „rechts von der Kirche“ ist nichts mehr zu sehen. Zugeschüttet? Verlandet? Überbaut? Immerhin – die Kirche strahlt weiß und frisch renoviert auf den Satellitenbildern. Sie hat zwei Kriege offenbar überstanden.

Mit google-street-view fahre ich die Dorfstraße entlang, suche nach einem Haus, dass früher das Gutshaus gewesen sein könnte. Ich suche das Gutshaus, weil es von den Russen besonders hartnäckig verteidigt wurde und gut befestigt war. Hinter den Büschen am Straßenrand gepflegte Einfamilienhäuser verschiedener Epochen.

Auch der Blick aus der Satellitenperspektive lässt kein Gutshaus erkennen, schon gar keinen Schlosspark.

Nochmals street-view – da erkenne ich am Straßenrand einen Wegweiser zu einem Museum. Und dieser führte mich zu einer tragischen Geschichte.

Ich bin ein zweites Mal nach Chelmno gefahren, weil ich diesem Museum einen Besuch abstatten möchte. Und ja, es ist eine bezaubernde Landschaft, in der das Dörfchen liegt, und außerdem: endlich einmal ein paar Wolken am Himmel. Also nochmals auf die Autobahn, jetzt ganz ohne Zeitdruck vor der einbrechenden Dunkelheit noch in Ruhe dort fotografieren.

 

 Zunächst mache ich einige Fotografien in Dombie. Auch dieser Ort findet Erwähnung in der Chronik der Ereignisse, denn er war wegen seiner Brücke über den Ner für die Deutschen ein wichtiges Ziel. Von Chelmno kommend wollte ihn die Deutschen besetzen.

 

Dombie

Dombie

 Ich will in Chelmno das Gut besuchen, bzw. das, was davon noch übrig ist. Das Gut war während der Kämpfe um Chelmno am 14. November 1914 stark befestigt. Während ganz Chelmno wenige Stunden mach Beginn des Angriffs in Flammen stand, hat das Gebäude den Beschuss mit Artillerie und die schweren Kämpfe offenbar damals überstanden. Es sollt jedoch 25 Jahre später eine neue, schreckliche Funktion erhalten.

Das Gutshaus, in der Mitte des 19. Jahrhunderts gebaut, stand in den dreißiger Jahren leer.

 

 Die Nazis hatten das Land besetzt, und sie nutzten den Park und das Haus zu einem teuflischen Zweck. Einen hohen Bretterzaun zogen sie um das Gelände. Dann wurden SS und eine Polizeieinheit an den Ort abkommandiert. Mehr als hundert Schergen sorgen drei Jahre lang dafür, dass Sinti, Roma und Juden aus den umliegenden Ghettos, vor allem aus dem von Lodz, von der nahegelegenen Kleinbahnstation mit LKWs zum Gut von Chelmno transportiert wurden. Die Ankömmlinge mussten sich vor der Treppe in den Park versammeln und in einer Rede wurde Ihnen angekündigt, sie seine ausgewählt worden für einen Arbeitseinsatz in Deutschland. Vor der Abfahrt müssten sie noch entlaust und desinfiziert werden. Das werde im Gutshaus geschehen.

 

 Die ahnungslosen Menschen wurden in die leeren Räume des Hauses geführt, legten all ihre Habe ab in einem Raum, der einen wunderbaren Blick auf das Flusstal gehabt haben musste, und betraten durch einen langen Flur – sicherlich etwas verunsichert – einen mit Duschen präparierten LKW, einen geräumigen fensterlosen Lieferwagen. Dessen Türen wurden geschlossen, der Motor wurde angelassen und über ein Ventil unter dem Fahrzeugboden wurden die Abgase in das Innere des Laderaumes geleitet.

 

 Nach zehn Minuten fuhr der LKW davon, in einen wenige Kilometer entfernten Wald, wo sich riesige Massengräber langsam füllten.

Vielleicht dachten die Wartenden auf dem Hof tatsächlich, der LKW sei nach Deutschland unterwegs.

 

 Über 7.000 Menschen wurden auf diese heimtückische Weise getötet. Auch sowjetische Kriegsgefangene wurden so umgebracht. Das Treiben endete, als Auschwitz und Birkenau bereitstanden.

 

 Und das Gutshaus? Es wurde nach all den Verbrechen von der SS gesprengt und eingeebnet. Dies kann man nachlesen auf der website des Regionalmuseums von Konin

 

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 Das Gutshaus – ein verfluchter Ort. Archäologen haben die Fundamentreste und Teile der Kellergewölbe freigelegt.

Chelmno ist eine wichtige Holocaustgedenkstätte geworden. Sie ehrt die Opfer, benennt die Verbrecher mit Namen und Porträts und sie gedenkt zweier mutiger Menschen, die hingerichtet wurden, weil sie noch zu Beginn der vierziger Jahre von den entsetzlichen Geschehnissen über Mittelsmänner Nachrichten an die westlichen Alliierten weiterleiteten.

Zu Google-Maps ist dies noch nicht durchgedrungen. Ebenso ist es mit der Beschreibung des Soldatenfriedhofes.

 

 Es ist bemerkenswert, dass sich ausgerechnet am Ort dieses Verbrechens ein Wegweiser zu einen von Deutschen gebauten Friedhof befindet. Nach einiogem Suchen entdecke ich ihn hinter einem Haus. Den jungen Mann vor dem Haus spreche ich an, sage, dass ich den Soldatenfriedhof suche. Dafür reicht mein Polnisch inzwischen aus. Wenige Minuten später haben wir uns jedoch auf Englisch geeinigt.

 

 Durch ein Beet hinter dem Haus, über einen sorgfältig mit Platten gepflasterten Weg führt er mich auf den Friedhof. Der ist so erstaunlich gut gepflegt, dass es mir die Sprache verschlägt. „Ja“, sagt mein Begleiter „um den Friedhof kümmere ich mich zusammen mit meinem Vater.“ Und die beiden haben weder Kosten noch Mühen gescheut. Das Gelände des Friedhofes sei ihr Privatbesitz, erklären sie. Sie haben die Mauern instand gesetzt, Rhododendron gepflanzt. Kaum ein Stück Unkraut ist zu sehen., Grabsteine mit Namen gab es nur für die höheren Dienstgrade. Man kann sie kaum entziffern, denn sie wurden nur aus einfachem Beton gefertigt. Und dann gibt es noch zwei große, rechteckige unbepflanzte Flächen. Darunter je ein Massengrab für Russen und Deutsche. Über tausend Tote hat es bei den Kämpfen um Chelmno gegeben. Und die Polen? Liegen in beiden Gräbern. Ausgenutzt, verraten, betrogen um ihr Land.

 

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Es ist das zweite mal während meiner kleinen Reise nach Lodz, an dem mir hilfsbereite Polen begegnen, die sich für mein Projekt interessieren und auf ihre Weise teilhaben an der Bewahrung der Erinnerung.

 

Recherchen in der Umgebung von Lodz

 Mit dem Berlin-Warszawa-Express bis Kutno, dann weiter mit dem Bummelzug. Etwa sechs Stunden braucht man mit dem Zug von Berlin in die City der 700.000-Einwohner-Stadt.

Noch am Abend meiner Ankunft fahre ich nach Chelmno. Das ist eine kleines Dorf nordwestlich von Lodz. Auf der nagelneuen Autobahn ist man etwa eine Stunde unterwegs. Als ich ankomme geht die Sonne gerade unter. Ich habe viel Zeit mit dem Bedienen des Navigationsgerätes vertrödelt, bis ich das richtige von mehreren polnischen Chelmnos fand.

 

Blick von Chelmno nach Westen über den Ner

Blick von Chelmno nach Westen über den Ner

 Das Dorf liegt an dem idyllischen Flüsschen Ner, der etwas weiter nordwestlich in die Warthe mündet.

Aus Nordwesten kommend stießen die Deutschen im November 1914 in Richtung Lodz vor. Als sie auf Chelmno trafen, erwartete sie erbitterter russischer Widerstand.

Am Abend stand die Division am nördlichen Nerufer …. Der Angriff gegen das von russischen Gardetruppen besetzte Chelmno war für die 38. Division in dem langsam ansteigenden, zum Teil sumpfigen Gelände und infolge flankierenden Feuers vom jenseitigen Nerufer her besonders schwer und verlustreich.“ 14.11.2014 (S. 17)

Im dichten Kugelregen gelangte die Schar ins Dorf. Da stürzten mit wildem Geschrei aus allen Häusern Russen auf die Tapferen ein. In jähen Sprüngen ging es an den Dorfrand zurück. … Wie durch ein Wunder aber erreichten viele der Kameraden noch unverwundet einen deckenden Brückenpfeiler. Man setzte Helme auf den Brückenrand. Es dauerte nicht lange, so waren sie heruntergeschossen.“ (S. 18)

 

Die Seitenangaben, auch die nachfolgender Zizate, beziehen sich auf das Buch „Der große Krieg in Einzeldarstellungen. Die Schlacht bei Lodz“ Oldenburg 1918

Alte Brücke über den Ner westlich von Chelmno

Alte Brücke über den Ner westlich von Chelmno

 „Dann aber war es geschehen! Was von den Russen noch lebte, verschwand in wilder Flucht. In furchtbarem Kampfe wurden einige vom Feinde besetzte Gehöfte genommen. … Rechts von der Kirche, aus der etwa 60 Russen herausgeholt wurden, verhinderte ein Teich die weitere Flucht. Viele Feinde fanden hier den Tod.“ S. 20

Kirche von Chelmno

Kirche von Chelmno

 Der Teich unterhalb einer Böschung neben der Kirche ist verlandet und seine Form nur noch zu erahnen. Die Kirche, Baujahr 1875 und mit zahllosen Satellitenschüsseln und Mobilfunkantennen verziert, ist tadellos renoviert.

 

Am Samstagmorgen, bin ich kurz nach 4 aufgestanden. Das Ziel meiner Fahrt hatte ich vorsorglich am Abend in mein Navi eingegeben. Es ist das Dörfchen Karpin. Es liegt auf dem Weg des verlustreichen Rückzuges, den die Deutschen antreten mussten, nachdem es ihnen nicht gelungen war, die geplante Einkesselung von Lodz zu realisieren. Im Süden der Stadt hielten die russischen Truppen einen Korridor offen, der sie mit dem Hinterland südöstlich der Stadt verband. Die herangeführte russische Verstärkung, hatte die deutschen Truppen in große Gefahr gebracht.

 

Westlich von Karpin verläuft eine kleiner Fluss mit großen sumpfigen Weisen, die Miazga. Dieses natürlich Hindernis mussten die Deutschen überwinden, wenn sie sich nach Nordosten in die Stadt Brzeziny zurückziehen wollten.

 „Um zwei Uhr früh hatte Generalmajor von Friedenberg den Rückzugsbefehl in Feliksin erhalten; es glückte auch ihm, noch sämtliche Verwundeten auf Fahrzeugen zu bergen und sich unbemerkt aus der Kampffront vom Feinde zu trennen. Der Übergang über die Miazga, der bei Tagesgrauen durch eine völlig vereiste Furt bewerkstelligt wurde, gestaltete sich außerordentlich schwierig. Jedes einzelne Fahrzeug musste von Mannschaften durch die Furt geschoben werden, weil die Pferde mit ihrem Sommerbeschlag auf dem vereisten Ufer keinen Halt fanden.“ 23. November 1914 (S. 70)

 

Die Sümpfe der Miazwa

Die Sümpfe der Miazga

Ein Munitionswagen mit 6 Pferden und 3 Reitern lag umgelegt, leicht mit Schnee bedeckt auf der Straße, die erstarrten Reiter noch in ihren Sätteln auf den Pferden wie Bleisoldaten, die umgefallen waren! Nun folgte der endlose Durchmarsch der Kolonnen über die Brücke. General von Scheffer stand mit beiden Stäben an einem Kruzifix an der Straßengabel im Dorfe Karpin und ließ alles vorbeirücken.“ 23. November 1914 (S. 70)

Hier könnte der General seinen Posten gehabt haben. Kruzifix mit Blick in Richtung Miazga-Brücke

Hier könnte der General seinen Posten gehabt haben. Kruzifix mit Blick in Richtung Miazwa-Brücke

Gegen 09.30 vormittags hatten fast alle Teile des XXV. Reservekorps die Brücke bei Karpin überschritten“ (S. 71)

Brücke über die Miazga

Brücke über die Miazga

 Ja, die Brücke gibt es noch heute, wenn sie auch eine Nachfolgerin aus Beton gefunden hat. Und das erwähnte Kruzifix, wird wohl das sein, was ich an der einzigen Weggabelung in Karpin gefunden habe. Doch auch dieses scheint einem einem Folgebau, einer verglasten Marienstatue gewichen zu sein. Eine Gabelung der Straße gibt es nicht, nur eine Kreuzung. Aber es ist anzunehmen, dass der General genau hier stand, denn man hat von diesem Punkt auf einer Anhöhe einen guten Überblick über das umliegende Gelände Richtung Fluss, und auch der weitere Weg der Kolonnen Richtung Brzeziny kann nur diese Stelle passiert haben.

 

Diesem Weg folge ich in das Dorf Borowa. Das Dorf ist wie vor hundert Jahren eine 6 km lange, aus zwei Häuserreihen rechts und links der Straße bestehende Siedlung. Allerdings finden sich nur noch wenige Bauergehöfte hier , statt dessen hat manch imposantes Einfamilienhaus hier Raum für teils kitschige Entfaltung gefunden.

 

Das nächliche Borowa

Das nächliche Borowa

 Und wie damals ist das Dorf in einiger Entfernung zu beiden Seiten von Wald gesäumt. Eigentlich ein idealer Ort für Überraschungsangriffe auf eine endlose Kolonne müder deutscher Truppen.

Kaum hatte die Vorhut den Bahndamm am nördlichen Dorfrand erreicht, passierte es.

Ein Höllenfeuer von vorn, von rechts, von links und von links rückwärts zwang die Infanterie zur Entwicklung. Die Fahrerpeitschen sausten auf die völlig erschöpften Gäule, im Galopp rasselten die Batterien über die Eisenbahngleise…Welle auf Welle erdfarbener Gestalten goss ergoss sich von neuem von Osten, von Westen und auch von Norden auf die sich wehrende tapfere Schar. Dem flankierenden Maschinengewehrfeuer einer von Koluszki andampfenden Lokomotive fiel mancher Kanonier zum Opfer…“ (S. 72)

Bahndamm nördlich von Borowa

Bahndamm nördlich von Borowa

Das Dorf wurde für die Deutschen zu einer tödlichen Falle.

General von Waenker ging über die Dorfstraße um nach seiner Division Umschau zu halten. Auf der schnurgeraden Straße hatte russische Artillerie arg gewütet. Umgestürzte, zerschossene und festgefahrene Fahrzeuge , sich wälzende Pferde und tot Fahrer! Da prasselte Maschinengewehrfeuer zwischen den Häusern hindurch und tot stürzte der General zu Boden. … Wehrlos waren inzwischen die auf der Dorfstraße haltenden Gefechtswagen der Vorhut sowie die Fernsprech- und Funkenabteilung des XXV. Reserve-Korps dem aus Chrusty Stare und besonders dem von links aus dem Galkower Walde kommenden Infanteriefeuer preisgegeben. Fahrer und Pferde fielen in Massen. Gar manchen in der Nacht verladenen Verwundeten erlöste jetzt die feindliche Kugel von seinem Leiden.“ 24. November 1914 gegen 11 Uhr (S. 73)

So verging ein frostiger Tag des Jahre 1914. All dies ließ sich gut recherchieren. Weniger Glück hatte ich bei der Suche nach dem Gutshaus von Gospodarz. Auch dies ein schwer umkämpfter Ort. Aber das Haus ist heute eine Ruine, erklären mir Leute aus dem Dorf. Der alte Schlosspark ist heute eine Baumschule und leider nicht zugänglich.

Das ist übrig vom Schlosspark von Gospodarz. Immerhin gibt es hier heute eine Baumschule.

Das ist übrig vom Schlosspark von Gospodarz. Immerhin gibt es hier heute eine Baumschule.

Aber die Geschichte findet am Abend noch einen schönen Schlusspunkt. Ich treffe Pawel vom Heimatmuseum Brzeziny. Es ist ein rühriger Mensch, der nicht nur meine E-mails in englisch beantwortete, sondern umfangreiche Hilfe und sogar eine Ausstellung in seinem Museum anbot. Schaut man die aktuelle Ausstellung an, wird sichtbar, welche Verdienste er vor allem um die Erinnerung an die zahlreichen Juden hat, die einst ein Viertel der Bevölkerung von Brzeziny ausmachten. Pawel verrät mir nicht nur, wo sich das Haus am Markt befindet, in dem einst der Deutsche Generalstab Quartier hatte, es war eine von einem jüdischen Besitzer geführte Apotheke.

In diesem Haus befand sich eine Apotheke, die damals in jüdischem Besitz war

In diesem Haus befand sich eine Apotheke, die damals in jüdischem Besitz war

Er beschreibt mir auch den Weg zu einem im Wand verborgenen Soldatenfriedhof. Dort finde ich heute morgen sorgfältig aufgereihte Steine für die gefallenen Deutschen und eine Steinplatte unter einen frischen hölzernen Kreuz, die daran erinnert, dass hier auch 1.100 russische Soldaten die Ruhe fanden.

Soldatenfriedhof Pustulka bei Grajewo

Soldatenfriedhof Pustulka bei Grajewo

Insgesamt fielen in der Schlacht um Lodz fast 10.000 deutsche Soldaten. Die russischen Soldaten und die zivilen Opfer hat bisher niemand gezählt, wie auch die Verkrüppelten, Entseelten und Entstellten nicht.

Ein orthodoxes Kreuz

Ein orthodoxes Kreuz

Und das Heimatmuseum selbst: es war während des Krieges ein russisches Lazarett. Ein Ort des Todes auch, aber auch ein Ort alter und neuer Hoffnung.

Das ehemalige russische Lazarett beherbergt heute das Regionalmuseum von Brzeziny

Das ehemalige russische Lazarett beherbergt heute das Regionalmuseum von Brzeziny

 

Reise nach Lodz

 Kommst Du nach Lodz und bist kulturell und historisch ein wenig interessiert, dann musst du im Hotel Savoy absteigen. Es ist ein geschichtsträchtiger Ort. gebaut in den zwanziger Jahren, muss es, wenn man dem Romancier Joseph Roth traut, nach dem 1. Weltkrieg ein wirrer Ort von Abenteurern und Gestrandeten gewesen sein.

Das Hotel Savoy in der Traugutte 6

Das Hotel Savoy in der Traugutte 6

Der Held des Romans „Hotel Savoy“ beschreibt, wie er nach drei Jahren russischer Gefangenschaft in Lodz landet, weil er von einem dort lebenden reichen Onkel Geld für die Weiterreise nach Wien erhofft. Mit nichts als ein paar Lumpen auf dem Leib, einigen Münzen in der Tasche, kehrt Gabriel Dan ein. Das Hotel teilt seine Bewohner in Klassen nach den Etagen und den Erwerbsquellen. Eine myteriöse Rolle spielt der Aufzugsführer. Aber mehr will ich nicht verraten.

Blick in den Aufzugsschacht.

Blick in den Aufzugsschacht.

Gabriel Dan wohnt im billigsten Zimmer unter dem Dach, eine Etage unter einer jungen Tänzerin und neben einer verarmten Familie. Sein Leben dreht sich bald um zweifelhafte Spekulationen, das allabendliche Varietè, die Bittgänge zum reichen Onkel, die Herüberschwappende Revolution, Planlosigkeit, Ausweglosigkeit, Hoffnungslosigkeit und Fatalismus. Dem Leser bereitet sich die gedankliche Leere eines durch die Wirren von Krieg und Gefangenschaft abgestumpften jungen Mannes aus.

Flur vor meinem Zimmer.

Flur vor meinem Zimmer.

Das Hotel Savoy, zwei Sterne, kann man auch heute noch in unterschiedlichen Preiskategorien buchen. Gewiss, die Demokratisierung und die Zeiten sind auch an den Preise nicht vorübergegangen. Ich nehme ein Einzelzimmer mit Blick in den ewig schallenden Hinterhof und zahle für drei Nächte mit Frühstück zusammen immer noch bescheidene 90 €. Ja, das Hotel würde heute immer noch als Kulisse für den Film taugen, den es zu dem Roman geben könnte, allerdings nur zu den Kapiteln, die von der Armut handeln.

Hinterhof

Hinterhof

Nach Lodz fahre ich, weil ich zu Orten der „Schlacht bei Lodz“ recherchiert habe. Es war eine groteske und sehr riskante militärische Operation, sie tobte im Wesentlichen zwischen dem 11. und 24. November 1914, die für die Deutschen in einem Desaster endete, welches letztlich durch die Propaganda als „geglückte Rettung“ der von Einkesselung bedrohten Truppen qualifiziert wurde.

Zunächst wurde der Versuch, die Stadt mit schnell vorgetragenen Angriffen zangenartig von Nordosten und Westen zu umfassen, von den sich mutig verteidigenden Russen verhindert. Die Deutschen Truppen standen nach einigen Tagen des erfolgreichen Vormarsches bei Eiseskälte in einem Korridor von mehr als 50 km Länge. Die Versorgung der Truppen mit Nachschub gestaltete sich äußerst schwierig. Immer wieder mussten sich die Einheiten nach drei Seiten gleichzeitig verteidigen, denn russische Truppen standen nicht nur in großer Zahl in der Stadt, sie kamen auch aus dem Umland von Süden und Osten den bedrängten Kameraden in Lodz zu Hilfe.

Die Ebene südlich von Lodz

Die Ebene südlich von Lodz

Auf russischer Seite standen Elitetruppen aus Sibirien. Die deutschen kämpften in Sommeruniformen. Selbst die Pferde hatten keine wintertauglichen Beschläge, so dass es immer wieder zahllose Tote gab, weil die Kolonnen an Böschungen und Furten wegen des Eises stecken blieben und zu einem leicht zu erfassenden Ziel wurden. Ohne Pferdefuhrwerk ging damals gar nichts. Munition, Verpflegung, Geschütze, Verwundete – alles war auf das Pferdefuhrwerk angewiesen. Schlecht ausgebaute Straßen verzögerten alle Bewegungen. Tumult, Orientierungslosigkeit, mangelnde Kommunikation der Truppenteile untereinander, schlaflose Nächte taten ihr Übriges. Verwundete erfroren in klirrender Kälte und eisigem Wind noch bevor sie verbluteten.

Die Deutschen hatten durchaus Vorteile: gut ausgebildete, sehr bewegliche Truppen. Es gab Einheiten, die trotz strengen Frostes und ausbleibender Verpflegung an mehreren Tagen hintereinander kämpfend und marschierend bis zu 50 km zurücklegten. Es gab ein im Vergleich zu den russischen Einheiten dezentrales, aber dennoch straffes Führungssystem mit modernen taktischen Prinzipien. Dadurch war es oft möglich, dass zahlenmäßig unterlegene Truppen, den Gegnern Paroli boten.

Es gibt einen Witz aus der DDR-Zeit über die Mangelwirtschaft: Wenn das Tischtuch zu klein ist, dann fasst es an den Ecken an und zieht es so schnell hin und her, dass man an jeder Ecke des Tisches den Eindruck hat, die Tischdecke sei groß genug.

So ähnlich agierten die Deutschen: Hinter der Front wurden Truppen mit der Eisenbahn hin und her gefahren, von Nord nach Süd, manchmal auch von Ost nach West, so dass es immer wieder gelang, die Gegner mit überraschend hoher Truppenstärke an bestimmten Abschnitten der Front zu verwirren.

In der Schlacht bei Lodz, so berichtet es das etwas chauvinistisch eingefärbte Werk „Die Schlacht bei Lodz“, mussten russische Gefangene in gleicher Ordnung wie die deutschen Truppen marschieren, die großen Pelzmützen absetzen, um so mehr deutsche Soldaten vorzugaukeln, als tatsächlich zur Verfügung standen.

Aber die Deutschen hatten (?) auch eine riesige Schwäche: Überheblichkeit.

Und immer wenn in den Schilderungen von „Schneid“, „Entschlossenheit“, „Tapferkeit“ die Rede ist, muss man sich angesichts der Ergebnisse fragen, ob die Generäle die Lage und die Aufgabe nicht kolossal falsch eingeschätzt haben, im Nachhinein Leichtsinn als Mut betitelten.

Die Deutschen angeschlagenen und sich heftig wehrend, erlebten also ein Desaster und konnten mit Mühe und Not ihre Truppen aus dem tödlich Korridor, einem Viertelkreis im Südosten der Stadt, den sie sich erstritten hatten, zurückführen. Trotz der Gefangenen, die sie machten und derer sie sich rühmten, ein tödliches Unterfangen für alle Beteiligten.

Doch die Geschichte beliebt zuweilen zu scherzen: die Russen zogen sich wenige Tage nach dem Abebben der Schlacht, am 6. Dezember 1914 sang- und klanglos aus Lodz zurück und überließen die Stadt den Deutschen letztlich kampflos. Frontbegradigung nannte man das schon damals.

Unter den Nazis wird die Stadt später umbenannt, in Litzmannstadt. Ein Witz, denn General Litzmann taucht in den 1918 verfassten frühen Chroniken nur als Randfigur auf. Das spätere NSDAP-Mitglied wird von den Nazis offenbar als „Held von Lodz“ benötigt, möglicherweise, um diesen Ort des deutschen Debakels sprachlich zu begraben.