Schlagwort-Archiv: Schlacht bei Lodz

Recherchen in der Umgebung von Lodz

 Mit dem Berlin-Warszawa-Express bis Kutno, dann weiter mit dem Bummelzug. Etwa sechs Stunden braucht man mit dem Zug von Berlin in die City der 700.000-Einwohner-Stadt.

Noch am Abend meiner Ankunft fahre ich nach Chelmno. Das ist eine kleines Dorf nordwestlich von Lodz. Auf der nagelneuen Autobahn ist man etwa eine Stunde unterwegs. Als ich ankomme geht die Sonne gerade unter. Ich habe viel Zeit mit dem Bedienen des Navigationsgerätes vertrödelt, bis ich das richtige von mehreren polnischen Chelmnos fand.

 

Blick von Chelmno nach Westen über den Ner

Blick von Chelmno nach Westen über den Ner

 Das Dorf liegt an dem idyllischen Flüsschen Ner, der etwas weiter nordwestlich in die Warthe mündet.

Aus Nordwesten kommend stießen die Deutschen im November 1914 in Richtung Lodz vor. Als sie auf Chelmno trafen, erwartete sie erbitterter russischer Widerstand.

Am Abend stand die Division am nördlichen Nerufer …. Der Angriff gegen das von russischen Gardetruppen besetzte Chelmno war für die 38. Division in dem langsam ansteigenden, zum Teil sumpfigen Gelände und infolge flankierenden Feuers vom jenseitigen Nerufer her besonders schwer und verlustreich.“ 14.11.2014 (S. 17)

Im dichten Kugelregen gelangte die Schar ins Dorf. Da stürzten mit wildem Geschrei aus allen Häusern Russen auf die Tapferen ein. In jähen Sprüngen ging es an den Dorfrand zurück. … Wie durch ein Wunder aber erreichten viele der Kameraden noch unverwundet einen deckenden Brückenpfeiler. Man setzte Helme auf den Brückenrand. Es dauerte nicht lange, so waren sie heruntergeschossen.“ (S. 18)

 

Die Seitenangaben, auch die nachfolgender Zizate, beziehen sich auf das Buch „Der große Krieg in Einzeldarstellungen. Die Schlacht bei Lodz“ Oldenburg 1918

Alte Brücke über den Ner westlich von Chelmno

Alte Brücke über den Ner westlich von Chelmno

 „Dann aber war es geschehen! Was von den Russen noch lebte, verschwand in wilder Flucht. In furchtbarem Kampfe wurden einige vom Feinde besetzte Gehöfte genommen. … Rechts von der Kirche, aus der etwa 60 Russen herausgeholt wurden, verhinderte ein Teich die weitere Flucht. Viele Feinde fanden hier den Tod.“ S. 20

Kirche von Chelmno

Kirche von Chelmno

 Der Teich unterhalb einer Böschung neben der Kirche ist verlandet und seine Form nur noch zu erahnen. Die Kirche, Baujahr 1875 und mit zahllosen Satellitenschüsseln und Mobilfunkantennen verziert, ist tadellos renoviert.

 

Am Samstagmorgen, bin ich kurz nach 4 aufgestanden. Das Ziel meiner Fahrt hatte ich vorsorglich am Abend in mein Navi eingegeben. Es ist das Dörfchen Karpin. Es liegt auf dem Weg des verlustreichen Rückzuges, den die Deutschen antreten mussten, nachdem es ihnen nicht gelungen war, die geplante Einkesselung von Lodz zu realisieren. Im Süden der Stadt hielten die russischen Truppen einen Korridor offen, der sie mit dem Hinterland südöstlich der Stadt verband. Die herangeführte russische Verstärkung, hatte die deutschen Truppen in große Gefahr gebracht.

 

Westlich von Karpin verläuft eine kleiner Fluss mit großen sumpfigen Weisen, die Miazga. Dieses natürlich Hindernis mussten die Deutschen überwinden, wenn sie sich nach Nordosten in die Stadt Brzeziny zurückziehen wollten.

 „Um zwei Uhr früh hatte Generalmajor von Friedenberg den Rückzugsbefehl in Feliksin erhalten; es glückte auch ihm, noch sämtliche Verwundeten auf Fahrzeugen zu bergen und sich unbemerkt aus der Kampffront vom Feinde zu trennen. Der Übergang über die Miazga, der bei Tagesgrauen durch eine völlig vereiste Furt bewerkstelligt wurde, gestaltete sich außerordentlich schwierig. Jedes einzelne Fahrzeug musste von Mannschaften durch die Furt geschoben werden, weil die Pferde mit ihrem Sommerbeschlag auf dem vereisten Ufer keinen Halt fanden.“ 23. November 1914 (S. 70)

 

Die Sümpfe der Miazwa

Die Sümpfe der Miazga

Ein Munitionswagen mit 6 Pferden und 3 Reitern lag umgelegt, leicht mit Schnee bedeckt auf der Straße, die erstarrten Reiter noch in ihren Sätteln auf den Pferden wie Bleisoldaten, die umgefallen waren! Nun folgte der endlose Durchmarsch der Kolonnen über die Brücke. General von Scheffer stand mit beiden Stäben an einem Kruzifix an der Straßengabel im Dorfe Karpin und ließ alles vorbeirücken.“ 23. November 1914 (S. 70)

Hier könnte der General seinen Posten gehabt haben. Kruzifix mit Blick in Richtung Miazga-Brücke

Hier könnte der General seinen Posten gehabt haben. Kruzifix mit Blick in Richtung Miazwa-Brücke

Gegen 09.30 vormittags hatten fast alle Teile des XXV. Reservekorps die Brücke bei Karpin überschritten“ (S. 71)

Brücke über die Miazga

Brücke über die Miazga

 Ja, die Brücke gibt es noch heute, wenn sie auch eine Nachfolgerin aus Beton gefunden hat. Und das erwähnte Kruzifix, wird wohl das sein, was ich an der einzigen Weggabelung in Karpin gefunden habe. Doch auch dieses scheint einem einem Folgebau, einer verglasten Marienstatue gewichen zu sein. Eine Gabelung der Straße gibt es nicht, nur eine Kreuzung. Aber es ist anzunehmen, dass der General genau hier stand, denn man hat von diesem Punkt auf einer Anhöhe einen guten Überblick über das umliegende Gelände Richtung Fluss, und auch der weitere Weg der Kolonnen Richtung Brzeziny kann nur diese Stelle passiert haben.

 

Diesem Weg folge ich in das Dorf Borowa. Das Dorf ist wie vor hundert Jahren eine 6 km lange, aus zwei Häuserreihen rechts und links der Straße bestehende Siedlung. Allerdings finden sich nur noch wenige Bauergehöfte hier , statt dessen hat manch imposantes Einfamilienhaus hier Raum für teils kitschige Entfaltung gefunden.

 

Das nächliche Borowa

Das nächliche Borowa

 Und wie damals ist das Dorf in einiger Entfernung zu beiden Seiten von Wald gesäumt. Eigentlich ein idealer Ort für Überraschungsangriffe auf eine endlose Kolonne müder deutscher Truppen.

Kaum hatte die Vorhut den Bahndamm am nördlichen Dorfrand erreicht, passierte es.

Ein Höllenfeuer von vorn, von rechts, von links und von links rückwärts zwang die Infanterie zur Entwicklung. Die Fahrerpeitschen sausten auf die völlig erschöpften Gäule, im Galopp rasselten die Batterien über die Eisenbahngleise…Welle auf Welle erdfarbener Gestalten goss ergoss sich von neuem von Osten, von Westen und auch von Norden auf die sich wehrende tapfere Schar. Dem flankierenden Maschinengewehrfeuer einer von Koluszki andampfenden Lokomotive fiel mancher Kanonier zum Opfer…“ (S. 72)

Bahndamm nördlich von Borowa

Bahndamm nördlich von Borowa

Das Dorf wurde für die Deutschen zu einer tödlichen Falle.

General von Waenker ging über die Dorfstraße um nach seiner Division Umschau zu halten. Auf der schnurgeraden Straße hatte russische Artillerie arg gewütet. Umgestürzte, zerschossene und festgefahrene Fahrzeuge , sich wälzende Pferde und tot Fahrer! Da prasselte Maschinengewehrfeuer zwischen den Häusern hindurch und tot stürzte der General zu Boden. … Wehrlos waren inzwischen die auf der Dorfstraße haltenden Gefechtswagen der Vorhut sowie die Fernsprech- und Funkenabteilung des XXV. Reserve-Korps dem aus Chrusty Stare und besonders dem von links aus dem Galkower Walde kommenden Infanteriefeuer preisgegeben. Fahrer und Pferde fielen in Massen. Gar manchen in der Nacht verladenen Verwundeten erlöste jetzt die feindliche Kugel von seinem Leiden.“ 24. November 1914 gegen 11 Uhr (S. 73)

So verging ein frostiger Tag des Jahre 1914. All dies ließ sich gut recherchieren. Weniger Glück hatte ich bei der Suche nach dem Gutshaus von Gospodarz. Auch dies ein schwer umkämpfter Ort. Aber das Haus ist heute eine Ruine, erklären mir Leute aus dem Dorf. Der alte Schlosspark ist heute eine Baumschule und leider nicht zugänglich.

Das ist übrig vom Schlosspark von Gospodarz. Immerhin gibt es hier heute eine Baumschule.

Das ist übrig vom Schlosspark von Gospodarz. Immerhin gibt es hier heute eine Baumschule.

Aber die Geschichte findet am Abend noch einen schönen Schlusspunkt. Ich treffe Pawel vom Heimatmuseum Brzeziny. Es ist ein rühriger Mensch, der nicht nur meine E-mails in englisch beantwortete, sondern umfangreiche Hilfe und sogar eine Ausstellung in seinem Museum anbot. Schaut man die aktuelle Ausstellung an, wird sichtbar, welche Verdienste er vor allem um die Erinnerung an die zahlreichen Juden hat, die einst ein Viertel der Bevölkerung von Brzeziny ausmachten. Pawel verrät mir nicht nur, wo sich das Haus am Markt befindet, in dem einst der Deutsche Generalstab Quartier hatte, es war eine von einem jüdischen Besitzer geführte Apotheke.

In diesem Haus befand sich eine Apotheke, die damals in jüdischem Besitz war

In diesem Haus befand sich eine Apotheke, die damals in jüdischem Besitz war

Er beschreibt mir auch den Weg zu einem im Wand verborgenen Soldatenfriedhof. Dort finde ich heute morgen sorgfältig aufgereihte Steine für die gefallenen Deutschen und eine Steinplatte unter einen frischen hölzernen Kreuz, die daran erinnert, dass hier auch 1.100 russische Soldaten die Ruhe fanden.

Soldatenfriedhof Pustulka bei Grajewo

Soldatenfriedhof Pustulka bei Grajewo

Insgesamt fielen in der Schlacht um Lodz fast 10.000 deutsche Soldaten. Die russischen Soldaten und die zivilen Opfer hat bisher niemand gezählt, wie auch die Verkrüppelten, Entseelten und Entstellten nicht.

Ein orthodoxes Kreuz

Ein orthodoxes Kreuz

Und das Heimatmuseum selbst: es war während des Krieges ein russisches Lazarett. Ein Ort des Todes auch, aber auch ein Ort alter und neuer Hoffnung.

Das ehemalige russische Lazarett beherbergt heute das Regionalmuseum von Brzeziny

Das ehemalige russische Lazarett beherbergt heute das Regionalmuseum von Brzeziny