Im Ermland und in den Masuren – Tannenberg

Während meiner Reise durch die Masuren lese ich Alexander Solshenizyn „August 1914“ aus der Romanreihe „Das rote Rad“. Solshenizyn beschreibt erstaunlich detailliert die Ereignisse der Schlacht bei Tannenberg. Vergleichbar mit Tolstoij (und ebenso anstrengend zu lesen) schildert er auf fast 1.000 Seiten, was sich in den wenigen Tagen zutrug, nebst zahlreichen Beschreibungen zu den politischen Hintergründen im damaligen Russland und – besonders bemerkenswert – das Verhältnis von Wilhelm II. Und Zar Nikoai I. 

Beide Kaiser hatten über mehr als ein Jahrzehnt eine innige persönliche Freundschaft gepflegt. Die Vettern sind dabei sicherlich nicht immerzu aufrichtig und uneigennützig vorgegangen. Aber glaubt man Solshenizyn, so konnten sich die Herrscher vertraulich austauschen, ohne auf politische und höfische Folgen ihrer Gespräche in jeder Minute achten zu müssen. Nikolai war der eher gutmütige, Wilhelm der machtsüchtige in dieser Konstellation einsamer Herrscher.

Um so erstaunlicher ist es, dass in den entscheidenden Tagen vor dem Ausbruch des Krieges, diese vermeintliche Freundschaft nichts verhindern konnte. Nikolaus musste feststellen, dass er am Gängelband seiner Ministerialbürokratie hing, Wilhelm befand sich im Sog von Überheblichkeit, Militarismus und eigener Naivität.

Gewiss sind die Ursachen der Krieges viel komplexer. Aber die Unfähigkeit dieser „Manager“ erinnert schwer an den Ausbruch der Finanzkrise im Jahre 2008 und ihrer dilletantischen „Bewältigung“ bis heute.

Nachstehend einige Zitate aus dem Werk Solshenizyns und Fotografien der beschriebenen Orte.

An der nächsten Kurve der Eisenbahnlinie, dort wo sie scharf nach hinten, Richtung Soldau, abbog, stießen sie auf die Mörserabteilung des Korps…Sie hatten hier, an den geschützten Hängen, einen großen Munitionsvorrat gestapelt, immer wurde neue angefahren, aber geschossen wurde wenig: die Befehlsgewalt über diese Abteilung hatte der Chef der Korpsartillerie Masalski, der nirgends zu finden war und sie hatten keine klare Aufgabe, wer und wie zu unterstützen sei.“ Solshenizyn S. 270

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Hier die inzwischen still gelegte Strecke von Soldau nach Usdau.

Das Regiment stand wahrscheinlich vor der Vernichtung, und dieses jeden Soldaten treffende Todesurteil lastete auf dem Gewissen des Regimentskommandeurs, ohne jedoch die Klarheit seiner Entscheidungen zu beeinträchtigen, wo eine Verteidigungslinie verlaufen, wo ein Hinterhalt für Bajonettattacken gelegt werden musste, wie sie sich möglichst teuer verkaufen, und möglichst viel Zeit gewinnen konnten.

Die Linie fand Kabanow bei Darethen, wo die Anhöhen günstig verliefen und der eine Flügel an einen großen, der andere an eine Kette kleinerer Seen stieß, Dort hatten die Soldaten Stellung bezogen und sie den ganzen sonnigen Nachmittag gehalten, bis in den hellen Abend hinein. Dort gingen ihnen die Patronen aus, dort gingen sie dreimal mit Bajonett zum Gegenangriff vor, dort ist, im Alter von dreiundfünfzig Jahren, Oberst Kabanow gefallen und in der Kompanie von zwanzig Soldaten kaum einer am Leben geblieben. …. Was werden dies Todgeweihten an diesem Tag gedacht haben, angesichts des blauen fremden Himmels, der fremden Seen und fremden Wälder?“ S, 394

Eric Pawlitzky  Darethen

Blick auf Darethen von den Hügeln südlich des Dorfes.

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