Noch einmal nach Chelmno

 

Eigentlich hatte ich die geplanten Stationen der Reise schon abgearbeitet. Aber den Montag wollte ich nicht in Lodz vertrödeln.

Im Rahmen meiner Recherche suche ich Orte des 1. Weltkrieges in Polen, an denen der Krieg in seiner engeren Bedeutung wirklich stattgefunden hat. Ich kenne die Namen der Orte, die mit den großen Schlachten verbunden werden, z.B. Lodz. Namen wie Legenden, denn sie machen das eigentliche Geschehen abstrakt, letztlich auch wieder unauffindbar.

Also recherchiere ich in Berichten, die Authentizität zumindest behaupten.

Chelmno ist so ein Ort. Ein Dorf etwa 70 km nordwestlich von Lodz. In den Berichten über die Schlacht bei Lodz gibt es eine detaillierte Schilderung des Gefechtes bei Chelmno.

 

Blick auf Chelmno in östliche Richtung

Blick auf Chelmno in östliche Richtung

 Ich fand den Ort in Google-Maps. Er hat seine Bezeichnung in den letzten 100 Jahren nicht geändert. Lediglich die kyrillischen Buchstaben mussten lateinischen weichen. Die Brücke, an der die Deutschen Deckung suchten, könnte die halb verfallene sein, die noch heute existiert und am Westrand des Dorfes über den kleinen Fluss Ner führt.

Von einem Teich „rechts von der Kirche“ ist nichts mehr zu sehen. Zugeschüttet? Verlandet? Überbaut? Immerhin – die Kirche strahlt weiß und frisch renoviert auf den Satellitenbildern. Sie hat zwei Kriege offenbar überstanden.

Mit google-street-view fahre ich die Dorfstraße entlang, suche nach einem Haus, dass früher das Gutshaus gewesen sein könnte. Ich suche das Gutshaus, weil es von den Russen besonders hartnäckig verteidigt wurde und gut befestigt war. Hinter den Büschen am Straßenrand gepflegte Einfamilienhäuser verschiedener Epochen.

Auch der Blick aus der Satellitenperspektive lässt kein Gutshaus erkennen, schon gar keinen Schlosspark.

Nochmals street-view – da erkenne ich am Straßenrand einen Wegweiser zu einem Museum. Und dieser führte mich zu einer tragischen Geschichte.

Ich bin ein zweites Mal nach Chelmno gefahren, weil ich diesem Museum einen Besuch abstatten möchte. Und ja, es ist eine bezaubernde Landschaft, in der das Dörfchen liegt, und außerdem: endlich einmal ein paar Wolken am Himmel. Also nochmals auf die Autobahn, jetzt ganz ohne Zeitdruck vor der einbrechenden Dunkelheit noch in Ruhe dort fotografieren.

 

 Zunächst mache ich einige Fotografien in Dombie. Auch dieser Ort findet Erwähnung in der Chronik der Ereignisse, denn er war wegen seiner Brücke über den Ner für die Deutschen ein wichtiges Ziel. Von Chelmno kommend wollte ihn die Deutschen besetzen.

 

Dombie

Dombie

 Ich will in Chelmno das Gut besuchen, bzw. das, was davon noch übrig ist. Das Gut war während der Kämpfe um Chelmno am 14. November 1914 stark befestigt. Während ganz Chelmno wenige Stunden mach Beginn des Angriffs in Flammen stand, hat das Gebäude den Beschuss mit Artillerie und die schweren Kämpfe offenbar damals überstanden. Es sollt jedoch 25 Jahre später eine neue, schreckliche Funktion erhalten.

Das Gutshaus, in der Mitte des 19. Jahrhunderts gebaut, stand in den dreißiger Jahren leer.

 

 Die Nazis hatten das Land besetzt, und sie nutzten den Park und das Haus zu einem teuflischen Zweck. Einen hohen Bretterzaun zogen sie um das Gelände. Dann wurden SS und eine Polizeieinheit an den Ort abkommandiert. Mehr als hundert Schergen sorgen drei Jahre lang dafür, dass Sinti, Roma und Juden aus den umliegenden Ghettos, vor allem aus dem von Lodz, von der nahegelegenen Kleinbahnstation mit LKWs zum Gut von Chelmno transportiert wurden. Die Ankömmlinge mussten sich vor der Treppe in den Park versammeln und in einer Rede wurde Ihnen angekündigt, sie seine ausgewählt worden für einen Arbeitseinsatz in Deutschland. Vor der Abfahrt müssten sie noch entlaust und desinfiziert werden. Das werde im Gutshaus geschehen.

 

 Die ahnungslosen Menschen wurden in die leeren Räume des Hauses geführt, legten all ihre Habe ab in einem Raum, der einen wunderbaren Blick auf das Flusstal gehabt haben musste, und betraten durch einen langen Flur – sicherlich etwas verunsichert – einen mit Duschen präparierten LKW, einen geräumigen fensterlosen Lieferwagen. Dessen Türen wurden geschlossen, der Motor wurde angelassen und über ein Ventil unter dem Fahrzeugboden wurden die Abgase in das Innere des Laderaumes geleitet.

 

 Nach zehn Minuten fuhr der LKW davon, in einen wenige Kilometer entfernten Wald, wo sich riesige Massengräber langsam füllten.

Vielleicht dachten die Wartenden auf dem Hof tatsächlich, der LKW sei nach Deutschland unterwegs.

 

 Über 7.000 Menschen wurden auf diese heimtückische Weise getötet. Auch sowjetische Kriegsgefangene wurden so umgebracht. Das Treiben endete, als Auschwitz und Birkenau bereitstanden.

 

 Und das Gutshaus? Es wurde nach all den Verbrechen von der SS gesprengt und eingeebnet. Dies kann man nachlesen auf der website des Regionalmuseums von Konin

 

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 Das Gutshaus – ein verfluchter Ort. Archäologen haben die Fundamentreste und Teile der Kellergewölbe freigelegt.

Chelmno ist eine wichtige Holocaustgedenkstätte geworden. Sie ehrt die Opfer, benennt die Verbrecher mit Namen und Porträts und sie gedenkt zweier mutiger Menschen, die hingerichtet wurden, weil sie noch zu Beginn der vierziger Jahre von den entsetzlichen Geschehnissen über Mittelsmänner Nachrichten an die westlichen Alliierten weiterleiteten.

Zu Google-Maps ist dies noch nicht durchgedrungen. Ebenso ist es mit der Beschreibung des Soldatenfriedhofes.

 

 Es ist bemerkenswert, dass sich ausgerechnet am Ort dieses Verbrechens ein Wegweiser zu einen von Deutschen gebauten Friedhof befindet. Nach einiogem Suchen entdecke ich ihn hinter einem Haus. Den jungen Mann vor dem Haus spreche ich an, sage, dass ich den Soldatenfriedhof suche. Dafür reicht mein Polnisch inzwischen aus. Wenige Minuten später haben wir uns jedoch auf Englisch geeinigt.

 

 Durch ein Beet hinter dem Haus, über einen sorgfältig mit Platten gepflasterten Weg führt er mich auf den Friedhof. Der ist so erstaunlich gut gepflegt, dass es mir die Sprache verschlägt. „Ja“, sagt mein Begleiter „um den Friedhof kümmere ich mich zusammen mit meinem Vater.“ Und die beiden haben weder Kosten noch Mühen gescheut. Das Gelände des Friedhofes sei ihr Privatbesitz, erklären sie. Sie haben die Mauern instand gesetzt, Rhododendron gepflanzt. Kaum ein Stück Unkraut ist zu sehen., Grabsteine mit Namen gab es nur für die höheren Dienstgrade. Man kann sie kaum entziffern, denn sie wurden nur aus einfachem Beton gefertigt. Und dann gibt es noch zwei große, rechteckige unbepflanzte Flächen. Darunter je ein Massengrab für Russen und Deutsche. Über tausend Tote hat es bei den Kämpfen um Chelmno gegeben. Und die Polen? Liegen in beiden Gräbern. Ausgenutzt, verraten, betrogen um ihr Land.

 

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Es ist das zweite mal während meiner kleinen Reise nach Lodz, an dem mir hilfsbereite Polen begegnen, die sich für mein Projekt interessieren und auf ihre Weise teilhaben an der Bewahrung der Erinnerung.

 

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