Schlagwort-Archiv: Myslowice Dreikaisereck Drei Kaiser Eck Polen Polska Przemsla

Drei Kaiser

Es gibt eine Landmarke in Polen, die einst Jahr für Jahr Millionen an Touristen anzog. Die Stadt Myslowice war das Mekka für den kleinen Grenzverkehr, für tausende Schmuggler und auch für Auswanderer. Östlich von Katowice gelegen, an der stark befahrenen Bahnlinie von Wrozlaw nach Krakow, fließen die schwarze und die weiße Przemsa zusammen. Warum diese Flüsse mit „schwarz“ und „weiß“ bezeichnet wurden und nicht mit „braun“ und „dunkelbraun“, was der Realität näher käme, weiß ich nicht. An dem Ypsilon, welches die zusammenfließenden Flüsse bilden, befand sich vor 100 Jahren das Dreikaisereck. So genannt, weil sich hier das russische Zarenreich mit Österreich-Ungarn und Deutschland an einem imaginären Punkt im Wasser berührten. Dreimal Grenze im Fluss, drei Kaiserreiche und ein blühender Grenzhandel.

 

Nach dem ersten Weltkrieg war dieser Ort nur noch ein symbolischer, denn gleich drei Kaiserreiche waren untergegangen. Und auch der Bismarckturm, den man hier errichtete, als die Gegend noch deutsch war, musste neuen Symbolen weichen, als das Land endlich polnisch wurde.

Dreikaisereck am Zusammenfluss der Schwarzen und Weißen Przemsa

Dreikaisereck am Zusammenfluss der Schwarzen und Weißen Przemsa

Immerhin – das Dreikaisereck gibt es noch. Auch wenn es sich unter einer alten Bahnbrücke versteckt, es ist sogar durch einen Obelisken markiert. Von den zahllosen Ausflugslokalen, die es in der Umgebung gegeben haben muss, sind nur noch traurige Reste geblieben.

eric pawlitzky Polen-026573


Und auch Myslowice ist ein wenig traurig. Wir haben im Hotel „Troijak“ übernachtet. Nach einem typisch polnischen Hotelfrühstück (viel fettige Wurst, beinaheflüssiges Rührei, Obst nur in Gestalt von Marmelade – aber die Nacht für bescheidene 25,00 €) besuchen wir eine Dame im Stadtmuseum. Sie präsentiert uns viele alte Postkarten aus der Glanzzeit von Tourismus und Schmuggel, vor allem jedoch ein Konzept zur touristischen Wiederbelebung der Gegend, mehrzweckhallengeprägt, vom Segen zukünftiger Kongresse beseelt, an die sie selbst nicht so ganz glauben mag. Denn während die drei Kaiserreiche in der Gegend dank des Schmuggels und dank dem Geschäft mit den Auswanderern lange Jahre friedlich für Wohlstand sorgten, sind jetzt drei polnische Gemeinden hoffnungslos zerstritten. Keiner hat die notwendigen Eigenmittel für den Abruf der EU-Gelder und bevor einer als erster beginnt, beginnt man gar nicht mit der Umsetzung der bunten Pläne.

 

Ich habe Mateusz, einen polnischen Freund, an diesen Ort begleitet, weil ich der Auffassung war, dass es hier im 1. Weltkrieg Kämpfe gegeben haben musste. Den Russen standen gleich zwei Armeen gegenüber. Die ganze Gegend voller Kohlegruben, Chemiefabriken, Textilindustrie, eine strategisch wichtige Eisenbahnlinie. Und dann noch Flüsse, die es zu verteidigen oder zu überschreiten galt, denn Flüsse waren den Militärs damals durchaus eine Überlegung wert, sie bildeten noch echte Hindernisse, mit denen man kalkulieren konnte, kalkulieren musste.


Doch niemand kann sich an die Ereignisse um 1914 erinnern. „Es wurde nicht gekämpft“, sagt die Frau vom Museum. Ich kann das nicht glauben. „Alle Kriege beginnen mit Grenzüberschreitungen, und Österreicher und Deutsche haben die Grenze vermutlich auch in dieser Gegend überschritten mit dem Ziel, zur Weichsel vorzustoßen.“ „Ich weiß davon nichts“, sagt die Frau. „Sind die Russen einfach abgehauen aus dieser ehemals wohlhabenden Ecke?“, setze ich nach. Die Frau zuckt die Schultern. Der vergessene Krieg. Die vergessene Zeit.

 

Denkmal für ein Denkmal - der Findling erinnert an den Standort des Bismarckturmes, der in den dreißiger Jahren abgerissen wurde. Die Tafel auf dem Stein ist verschunden, weil es Streit um den Text gibt.

Denkmal für ein Denkmal – der Findling erinnert an den Standort des Bismarckturmes, der in den dreißiger Jahren abgerissen wurde. Die Tafel auf dem Stein ist verschwunden, weil es Streit um den Text gibt.