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Warum Soldatenfriedhöfe kleine Lügen sind

Eine ganze Generation junger Männer konnte über Nacht der Tristesse stupider Dorfgemeinschaften, muffigen Handwerksstuben, der Sklaverei der Fabrikhallen, langweiligen Amtsstuben oder gar dem Gymnasium entfliehen. Alle geltenden Hierarchien waren weggefegt mit dem Anlegen der Uniform. Es galten plötzlich Regeln und Maßstäbe, denen auch der Dümmste gerecht werden konnte. Jeder Tote wurde zum Helden, auch wenn er nur der Versuchung unterlag, Mut mit Leichtsinn zu verwechseln. Wenn der Knecht vom Lande mit dem intellektuellen Schriftsteller äußerlich gleich gestellt, uniformiert war, auch den gleichen Gefahren, demselben Befehl, der schwer zu fassenden fortwährenden Gefahr ausgesetzt war, musste das für den, der zuvor nichts galt, wie ein sozialer Aufstieg erscheinen.

Der 1. Weltkrieg hat darüberhinaus zu einer Entfremdung des Todes geführt. Wenn der Schütze am Maschinengewehr vielleicht noch undeutlich sehen konnte, wer da vorn weit weg gerade Opfer seines Tuns wird, war das für die Bedienung eines Mörsers, der sich in steilem Winkel auf eine Entfernung von mehreren tausend Metern auf aus der Ferne kommende Weisungen hin einschoss, nicht mehr zu ermessen. Die Männer an den Gasflaschen wussten, was passieren wird, aber sie sahen es nicht.

Die unmittelbare Todesgefahr war anonym geworden, sie hatte kein Gesicht mehr, keinen Körper. Der Kampf Mann gegen Mann auf kurze Distanz war die Ausnahme, der man möglichst zu entgehen suchte. Während die russischen Generäle noch auf die schiere Masse setzten, die Regimenter einfach immer wieder auffüllten, wussten die deutschen, dass ihr Kanonenfutter eine endliche Ressource war. Deutschland setzte auf Technik, Logistik, sorgfältige Ausbildung. Russische Soldaten wurden teilweise ohne Waffen an die Front geschickt, vermutlich weil absehbar war, dass die Ausrüstung Gefallener oder Verwundeter für die Nachrückenden zur Genüge vorhanden ist. (Boris Khavkin in „Die vergessene Front.Der Osten 1914/15, Paderborn 2006, ebenda S. 78)

Der Entfremdung auf dem Schlachtfeld folgte die auf den Friedhöfen.

War in den Kriegen zuvor die Bestattung auf zivilen Friedhöfen oder eben einfach in anonymen Massengräbern üblich, wurden nun riesige Gräberfelder angelegt, versehen mit Mauern und Kapellen, landschaftsarchitektonisch ästhetisiert. Die Erkennungsmarke war zum notwendigen Standard geworden. Gräber bekamen Namen.

Russen, Polen, Deutsche, Ukrainer, Österreicher, Tschechen, Ungarn – vereint auf Soldatenfriedhöfen in Polen. Alles Helden, alles Opfer. Für die Nachfahren ein Ort der Erinnerung, ein Ort der Mahnung, aber auch ein Ort der Beruhigung. Der Tod, das Opfer waren nicht umsonst, Pflichterfüllung, Treue, Kameradschaft … Alles ist schön auf einem schönen Friedhof. Die Ehrerweisung gegenüber dem Toten färbt ein klein wenig auf dessen Eltern, Geschwister, Frauen, Kinder ab. Kaum ist der Tod erhaben, wird er verwandt, verliert vieles von Schmutz, Schrecken, Erbärmlichkeit, Ekel.

Nimmt Versöhnung mit dem erlittenen Tod dem nächsten Tod ein Stück seines Schreckens?

Der Krieg kann so sauber sein wie eine Operation. Der Tote wird im Grabstein veredelt. Ein Lohn, der den Lebenden im nächsten Krieg auch winkt, als Mindestvergütung für den Fall, dass man nicht überlebt.

Ja, es gibt viel Gründe, zu klagen. Aber es gibt auch Gründe, zu zweifeln.

Vielleicht sollte man auf Soldatenfriedhöfen zukünftig (oder bei Umbettungen) drei Abteilungen einrichten: Helden, Naive, brutale Ar…löcher.

Oder man macht es eben wie in der Gemeinde Schmergow in Brandenburg und erklärt unter Vermeidung jeglichen Denkaufwandes kurzerhand alle Gefallenen per (Nicht-)Denkmal zu Helden.

In einer Gemeinde in Brandenburg, Fotografie Eric Pawlitzky 2012