Archiv für den Monat: Mai 2013

Wie hätte ein Amateurfotograf vor 100 Jahren die Orte gesehen?

Ich habe bereits vor 25 Jahren begonnen, mit historischen Kameras zu arbeiten. Aus dieser Erfahrung weiß ich, dass die früher verwendeten Objektive einen besonderen “Look” erzeugen. Dieser ist meistens gekennzeichnet von einer durchgehenden Schärfe, geringen Kontrasten, einer weichen Bildanmutung und durch die großen Filmformate auch von einer erstaunlichen Räumlichkeit.

Ich habe mir eine Kamera gekauft, die um die Jahrundertwende gebaut worden sein muss. Es ist eine Reisekamera, ganz aus Holz und Messing, das Objektiv wurde von einer Londoner Manufaktur gefertigt. Das Schöne: passend zur Kamera gab es zwei Filmkassetten, die, wenn sie beide geladen sind, vier Aufnahmen ermöglichen. Ich fotografiere mit Blende 22, denn die Linsen haben deutliche Putzspuren. Die Negative mit den Maßen 13 x 18 cm haben wie zu erwarten einen erstaunlichen Detailreichtum. Und die Tatsache, dass ich Planfilm statt der eigentlich vorgesehenen Glasplatten verwende, wirkt sich kaum aus.

Die Idee ist, bemerkenswerte Orte dieser Reise parallel mit der historischen Kamera zu fotografieren. Von den Negativen werde ich Kontaktabzüge herstellen, und zwar Cyanotypien. Cyanotypie war vor 100 Jahren ein von Amatueren bevorzugtes, preiswertes Verfahren, Fotopositive herzustellen. Einige Resultate (zunächst  abfotografierte und per Photoshop “umgekehrte” Digitalbilder der Negative) zeige ich untenstehend. Aber auch Cyanotypien werde ich hier wiedergeben. Die Chemikalien sind bereits auf dem Weg…

Soldatenfriedhof bei Brzeziny

Soldatenfriedhof bei Brzeziny

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In diesem Haus befand sich die Apotheke eines jüdischen Inhabers. Diese wurde von den Deutschen zeitweilig als Hauptquartier benutzt.

 

 

Noch einmal nach Chelmno

 

Eigentlich hatte ich die geplanten Stationen der Reise schon abgearbeitet. Aber den Montag wollte ich nicht in Lodz vertrödeln.

Im Rahmen meiner Recherche suche ich Orte des 1. Weltkrieges in Polen, an denen der Krieg in seiner engeren Bedeutung wirklich stattgefunden hat. Ich kenne die Namen der Orte, die mit den großen Schlachten verbunden werden, z.B. Lodz. Namen wie Legenden, denn sie machen das eigentliche Geschehen abstrakt, letztlich auch wieder unauffindbar.

Also recherchiere ich in Berichten, die Authentizität zumindest behaupten.

Chelmno ist so ein Ort. Ein Dorf etwa 70 km nordwestlich von Lodz. In den Berichten über die Schlacht bei Lodz gibt es eine detaillierte Schilderung des Gefechtes bei Chelmno.

 

Blick auf Chelmno in östliche Richtung

Blick auf Chelmno in östliche Richtung

 Ich fand den Ort in Google-Maps. Er hat seine Bezeichnung in den letzten 100 Jahren nicht geändert. Lediglich die kyrillischen Buchstaben mussten lateinischen weichen. Die Brücke, an der die Deutschen Deckung suchten, könnte die halb verfallene sein, die noch heute existiert und am Westrand des Dorfes über den kleinen Fluss Ner führt.

Von einem Teich „rechts von der Kirche“ ist nichts mehr zu sehen. Zugeschüttet? Verlandet? Überbaut? Immerhin – die Kirche strahlt weiß und frisch renoviert auf den Satellitenbildern. Sie hat zwei Kriege offenbar überstanden.

Mit google-street-view fahre ich die Dorfstraße entlang, suche nach einem Haus, dass früher das Gutshaus gewesen sein könnte. Ich suche das Gutshaus, weil es von den Russen besonders hartnäckig verteidigt wurde und gut befestigt war. Hinter den Büschen am Straßenrand gepflegte Einfamilienhäuser verschiedener Epochen.

Auch der Blick aus der Satellitenperspektive lässt kein Gutshaus erkennen, schon gar keinen Schlosspark.

Nochmals street-view – da erkenne ich am Straßenrand einen Wegweiser zu einem Museum. Und dieser führte mich zu einer tragischen Geschichte.

Ich bin ein zweites Mal nach Chelmno gefahren, weil ich diesem Museum einen Besuch abstatten möchte. Und ja, es ist eine bezaubernde Landschaft, in der das Dörfchen liegt, und außerdem: endlich einmal ein paar Wolken am Himmel. Also nochmals auf die Autobahn, jetzt ganz ohne Zeitdruck vor der einbrechenden Dunkelheit noch in Ruhe dort fotografieren.

 

 Zunächst mache ich einige Fotografien in Dombie. Auch dieser Ort findet Erwähnung in der Chronik der Ereignisse, denn er war wegen seiner Brücke über den Ner für die Deutschen ein wichtiges Ziel. Von Chelmno kommend wollte ihn die Deutschen besetzen.

 

Dombie

Dombie

 Ich will in Chelmno das Gut besuchen, bzw. das, was davon noch übrig ist. Das Gut war während der Kämpfe um Chelmno am 14. November 1914 stark befestigt. Während ganz Chelmno wenige Stunden mach Beginn des Angriffs in Flammen stand, hat das Gebäude den Beschuss mit Artillerie und die schweren Kämpfe offenbar damals überstanden. Es sollt jedoch 25 Jahre später eine neue, schreckliche Funktion erhalten.

Das Gutshaus, in der Mitte des 19. Jahrhunderts gebaut, stand in den dreißiger Jahren leer.

 

 Die Nazis hatten das Land besetzt, und sie nutzten den Park und das Haus zu einem teuflischen Zweck. Einen hohen Bretterzaun zogen sie um das Gelände. Dann wurden SS und eine Polizeieinheit an den Ort abkommandiert. Mehr als hundert Schergen sorgen drei Jahre lang dafür, dass Sinti, Roma und Juden aus den umliegenden Ghettos, vor allem aus dem von Lodz, von der nahegelegenen Kleinbahnstation mit LKWs zum Gut von Chelmno transportiert wurden. Die Ankömmlinge mussten sich vor der Treppe in den Park versammeln und in einer Rede wurde Ihnen angekündigt, sie seine ausgewählt worden für einen Arbeitseinsatz in Deutschland. Vor der Abfahrt müssten sie noch entlaust und desinfiziert werden. Das werde im Gutshaus geschehen.

 

 Die ahnungslosen Menschen wurden in die leeren Räume des Hauses geführt, legten all ihre Habe ab in einem Raum, der einen wunderbaren Blick auf das Flusstal gehabt haben musste, und betraten durch einen langen Flur – sicherlich etwas verunsichert – einen mit Duschen präparierten LKW, einen geräumigen fensterlosen Lieferwagen. Dessen Türen wurden geschlossen, der Motor wurde angelassen und über ein Ventil unter dem Fahrzeugboden wurden die Abgase in das Innere des Laderaumes geleitet.

 

 Nach zehn Minuten fuhr der LKW davon, in einen wenige Kilometer entfernten Wald, wo sich riesige Massengräber langsam füllten.

Vielleicht dachten die Wartenden auf dem Hof tatsächlich, der LKW sei nach Deutschland unterwegs.

 

 Über 7.000 Menschen wurden auf diese heimtückische Weise getötet. Auch sowjetische Kriegsgefangene wurden so umgebracht. Das Treiben endete, als Auschwitz und Birkenau bereitstanden.

 

 Und das Gutshaus? Es wurde nach all den Verbrechen von der SS gesprengt und eingeebnet. Dies kann man nachlesen auf der website des Regionalmuseums von Konin

 

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 Das Gutshaus – ein verfluchter Ort. Archäologen haben die Fundamentreste und Teile der Kellergewölbe freigelegt.

Chelmno ist eine wichtige Holocaustgedenkstätte geworden. Sie ehrt die Opfer, benennt die Verbrecher mit Namen und Porträts und sie gedenkt zweier mutiger Menschen, die hingerichtet wurden, weil sie noch zu Beginn der vierziger Jahre von den entsetzlichen Geschehnissen über Mittelsmänner Nachrichten an die westlichen Alliierten weiterleiteten.

Zu Google-Maps ist dies noch nicht durchgedrungen. Ebenso ist es mit der Beschreibung des Soldatenfriedhofes.

 

 Es ist bemerkenswert, dass sich ausgerechnet am Ort dieses Verbrechens ein Wegweiser zu einen von Deutschen gebauten Friedhof befindet. Nach einiogem Suchen entdecke ich ihn hinter einem Haus. Den jungen Mann vor dem Haus spreche ich an, sage, dass ich den Soldatenfriedhof suche. Dafür reicht mein Polnisch inzwischen aus. Wenige Minuten später haben wir uns jedoch auf Englisch geeinigt.

 

 Durch ein Beet hinter dem Haus, über einen sorgfältig mit Platten gepflasterten Weg führt er mich auf den Friedhof. Der ist so erstaunlich gut gepflegt, dass es mir die Sprache verschlägt. „Ja“, sagt mein Begleiter „um den Friedhof kümmere ich mich zusammen mit meinem Vater.“ Und die beiden haben weder Kosten noch Mühen gescheut. Das Gelände des Friedhofes sei ihr Privatbesitz, erklären sie. Sie haben die Mauern instand gesetzt, Rhododendron gepflanzt. Kaum ein Stück Unkraut ist zu sehen., Grabsteine mit Namen gab es nur für die höheren Dienstgrade. Man kann sie kaum entziffern, denn sie wurden nur aus einfachem Beton gefertigt. Und dann gibt es noch zwei große, rechteckige unbepflanzte Flächen. Darunter je ein Massengrab für Russen und Deutsche. Über tausend Tote hat es bei den Kämpfen um Chelmno gegeben. Und die Polen? Liegen in beiden Gräbern. Ausgenutzt, verraten, betrogen um ihr Land.

 

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Es ist das zweite mal während meiner kleinen Reise nach Lodz, an dem mir hilfsbereite Polen begegnen, die sich für mein Projekt interessieren und auf ihre Weise teilhaben an der Bewahrung der Erinnerung.

 

Recherchen in der Umgebung von Lodz

 Mit dem Berlin-Warszawa-Express bis Kutno, dann weiter mit dem Bummelzug. Etwa sechs Stunden braucht man mit dem Zug von Berlin in die City der 700.000-Einwohner-Stadt.

Noch am Abend meiner Ankunft fahre ich nach Chelmno. Das ist eine kleines Dorf nordwestlich von Lodz. Auf der nagelneuen Autobahn ist man etwa eine Stunde unterwegs. Als ich ankomme geht die Sonne gerade unter. Ich habe viel Zeit mit dem Bedienen des Navigationsgerätes vertrödelt, bis ich das richtige von mehreren polnischen Chelmnos fand.

 

Blick von Chelmno nach Westen über den Ner

Blick von Chelmno nach Westen über den Ner

 Das Dorf liegt an dem idyllischen Flüsschen Ner, der etwas weiter nordwestlich in die Warthe mündet.

Aus Nordwesten kommend stießen die Deutschen im November 1914 in Richtung Lodz vor. Als sie auf Chelmno trafen, erwartete sie erbitterter russischer Widerstand.

Am Abend stand die Division am nördlichen Nerufer …. Der Angriff gegen das von russischen Gardetruppen besetzte Chelmno war für die 38. Division in dem langsam ansteigenden, zum Teil sumpfigen Gelände und infolge flankierenden Feuers vom jenseitigen Nerufer her besonders schwer und verlustreich.“ 14.11.2014 (S. 17)

Im dichten Kugelregen gelangte die Schar ins Dorf. Da stürzten mit wildem Geschrei aus allen Häusern Russen auf die Tapferen ein. In jähen Sprüngen ging es an den Dorfrand zurück. … Wie durch ein Wunder aber erreichten viele der Kameraden noch unverwundet einen deckenden Brückenpfeiler. Man setzte Helme auf den Brückenrand. Es dauerte nicht lange, so waren sie heruntergeschossen.“ (S. 18)

 

Die Seitenangaben, auch die nachfolgender Zizate, beziehen sich auf das Buch „Der große Krieg in Einzeldarstellungen. Die Schlacht bei Lodz“ Oldenburg 1918

Alte Brücke über den Ner westlich von Chelmno

Alte Brücke über den Ner westlich von Chelmno

 „Dann aber war es geschehen! Was von den Russen noch lebte, verschwand in wilder Flucht. In furchtbarem Kampfe wurden einige vom Feinde besetzte Gehöfte genommen. … Rechts von der Kirche, aus der etwa 60 Russen herausgeholt wurden, verhinderte ein Teich die weitere Flucht. Viele Feinde fanden hier den Tod.“ S. 20

Kirche von Chelmno

Kirche von Chelmno

 Der Teich unterhalb einer Böschung neben der Kirche ist verlandet und seine Form nur noch zu erahnen. Die Kirche, Baujahr 1875 und mit zahllosen Satellitenschüsseln und Mobilfunkantennen verziert, ist tadellos renoviert.

 

Am Samstagmorgen, bin ich kurz nach 4 aufgestanden. Das Ziel meiner Fahrt hatte ich vorsorglich am Abend in mein Navi eingegeben. Es ist das Dörfchen Karpin. Es liegt auf dem Weg des verlustreichen Rückzuges, den die Deutschen antreten mussten, nachdem es ihnen nicht gelungen war, die geplante Einkesselung von Lodz zu realisieren. Im Süden der Stadt hielten die russischen Truppen einen Korridor offen, der sie mit dem Hinterland südöstlich der Stadt verband. Die herangeführte russische Verstärkung, hatte die deutschen Truppen in große Gefahr gebracht.

 

Westlich von Karpin verläuft eine kleiner Fluss mit großen sumpfigen Weisen, die Miazga. Dieses natürlich Hindernis mussten die Deutschen überwinden, wenn sie sich nach Nordosten in die Stadt Brzeziny zurückziehen wollten.

 „Um zwei Uhr früh hatte Generalmajor von Friedenberg den Rückzugsbefehl in Feliksin erhalten; es glückte auch ihm, noch sämtliche Verwundeten auf Fahrzeugen zu bergen und sich unbemerkt aus der Kampffront vom Feinde zu trennen. Der Übergang über die Miazga, der bei Tagesgrauen durch eine völlig vereiste Furt bewerkstelligt wurde, gestaltete sich außerordentlich schwierig. Jedes einzelne Fahrzeug musste von Mannschaften durch die Furt geschoben werden, weil die Pferde mit ihrem Sommerbeschlag auf dem vereisten Ufer keinen Halt fanden.“ 23. November 1914 (S. 70)

 

Die Sümpfe der Miazwa

Die Sümpfe der Miazga

Ein Munitionswagen mit 6 Pferden und 3 Reitern lag umgelegt, leicht mit Schnee bedeckt auf der Straße, die erstarrten Reiter noch in ihren Sätteln auf den Pferden wie Bleisoldaten, die umgefallen waren! Nun folgte der endlose Durchmarsch der Kolonnen über die Brücke. General von Scheffer stand mit beiden Stäben an einem Kruzifix an der Straßengabel im Dorfe Karpin und ließ alles vorbeirücken.“ 23. November 1914 (S. 70)

Hier könnte der General seinen Posten gehabt haben. Kruzifix mit Blick in Richtung Miazga-Brücke

Hier könnte der General seinen Posten gehabt haben. Kruzifix mit Blick in Richtung Miazwa-Brücke

Gegen 09.30 vormittags hatten fast alle Teile des XXV. Reservekorps die Brücke bei Karpin überschritten“ (S. 71)

Brücke über die Miazga

Brücke über die Miazga

 Ja, die Brücke gibt es noch heute, wenn sie auch eine Nachfolgerin aus Beton gefunden hat. Und das erwähnte Kruzifix, wird wohl das sein, was ich an der einzigen Weggabelung in Karpin gefunden habe. Doch auch dieses scheint einem einem Folgebau, einer verglasten Marienstatue gewichen zu sein. Eine Gabelung der Straße gibt es nicht, nur eine Kreuzung. Aber es ist anzunehmen, dass der General genau hier stand, denn man hat von diesem Punkt auf einer Anhöhe einen guten Überblick über das umliegende Gelände Richtung Fluss, und auch der weitere Weg der Kolonnen Richtung Brzeziny kann nur diese Stelle passiert haben.

 

Diesem Weg folge ich in das Dorf Borowa. Das Dorf ist wie vor hundert Jahren eine 6 km lange, aus zwei Häuserreihen rechts und links der Straße bestehende Siedlung. Allerdings finden sich nur noch wenige Bauergehöfte hier , statt dessen hat manch imposantes Einfamilienhaus hier Raum für teils kitschige Entfaltung gefunden.

 

Das nächliche Borowa

Das nächliche Borowa

 Und wie damals ist das Dorf in einiger Entfernung zu beiden Seiten von Wald gesäumt. Eigentlich ein idealer Ort für Überraschungsangriffe auf eine endlose Kolonne müder deutscher Truppen.

Kaum hatte die Vorhut den Bahndamm am nördlichen Dorfrand erreicht, passierte es.

Ein Höllenfeuer von vorn, von rechts, von links und von links rückwärts zwang die Infanterie zur Entwicklung. Die Fahrerpeitschen sausten auf die völlig erschöpften Gäule, im Galopp rasselten die Batterien über die Eisenbahngleise…Welle auf Welle erdfarbener Gestalten goss ergoss sich von neuem von Osten, von Westen und auch von Norden auf die sich wehrende tapfere Schar. Dem flankierenden Maschinengewehrfeuer einer von Koluszki andampfenden Lokomotive fiel mancher Kanonier zum Opfer…“ (S. 72)

Bahndamm nördlich von Borowa

Bahndamm nördlich von Borowa

Das Dorf wurde für die Deutschen zu einer tödlichen Falle.

General von Waenker ging über die Dorfstraße um nach seiner Division Umschau zu halten. Auf der schnurgeraden Straße hatte russische Artillerie arg gewütet. Umgestürzte, zerschossene und festgefahrene Fahrzeuge , sich wälzende Pferde und tot Fahrer! Da prasselte Maschinengewehrfeuer zwischen den Häusern hindurch und tot stürzte der General zu Boden. … Wehrlos waren inzwischen die auf der Dorfstraße haltenden Gefechtswagen der Vorhut sowie die Fernsprech- und Funkenabteilung des XXV. Reserve-Korps dem aus Chrusty Stare und besonders dem von links aus dem Galkower Walde kommenden Infanteriefeuer preisgegeben. Fahrer und Pferde fielen in Massen. Gar manchen in der Nacht verladenen Verwundeten erlöste jetzt die feindliche Kugel von seinem Leiden.“ 24. November 1914 gegen 11 Uhr (S. 73)

So verging ein frostiger Tag des Jahre 1914. All dies ließ sich gut recherchieren. Weniger Glück hatte ich bei der Suche nach dem Gutshaus von Gospodarz. Auch dies ein schwer umkämpfter Ort. Aber das Haus ist heute eine Ruine, erklären mir Leute aus dem Dorf. Der alte Schlosspark ist heute eine Baumschule und leider nicht zugänglich.

Das ist übrig vom Schlosspark von Gospodarz. Immerhin gibt es hier heute eine Baumschule.

Das ist übrig vom Schlosspark von Gospodarz. Immerhin gibt es hier heute eine Baumschule.

Aber die Geschichte findet am Abend noch einen schönen Schlusspunkt. Ich treffe Pawel vom Heimatmuseum Brzeziny. Es ist ein rühriger Mensch, der nicht nur meine E-mails in englisch beantwortete, sondern umfangreiche Hilfe und sogar eine Ausstellung in seinem Museum anbot. Schaut man die aktuelle Ausstellung an, wird sichtbar, welche Verdienste er vor allem um die Erinnerung an die zahlreichen Juden hat, die einst ein Viertel der Bevölkerung von Brzeziny ausmachten. Pawel verrät mir nicht nur, wo sich das Haus am Markt befindet, in dem einst der Deutsche Generalstab Quartier hatte, es war eine von einem jüdischen Besitzer geführte Apotheke.

In diesem Haus befand sich eine Apotheke, die damals in jüdischem Besitz war

In diesem Haus befand sich eine Apotheke, die damals in jüdischem Besitz war

Er beschreibt mir auch den Weg zu einem im Wand verborgenen Soldatenfriedhof. Dort finde ich heute morgen sorgfältig aufgereihte Steine für die gefallenen Deutschen und eine Steinplatte unter einen frischen hölzernen Kreuz, die daran erinnert, dass hier auch 1.100 russische Soldaten die Ruhe fanden.

Soldatenfriedhof Pustulka bei Grajewo

Soldatenfriedhof Pustulka bei Grajewo

Insgesamt fielen in der Schlacht um Lodz fast 10.000 deutsche Soldaten. Die russischen Soldaten und die zivilen Opfer hat bisher niemand gezählt, wie auch die Verkrüppelten, Entseelten und Entstellten nicht.

Ein orthodoxes Kreuz

Ein orthodoxes Kreuz

Und das Heimatmuseum selbst: es war während des Krieges ein russisches Lazarett. Ein Ort des Todes auch, aber auch ein Ort alter und neuer Hoffnung.

Das ehemalige russische Lazarett beherbergt heute das Regionalmuseum von Brzeziny

Das ehemalige russische Lazarett beherbergt heute das Regionalmuseum von Brzeziny

 

Reise nach Lodz

 Kommst Du nach Lodz und bist kulturell und historisch ein wenig interessiert, dann musst du im Hotel Savoy absteigen. Es ist ein geschichtsträchtiger Ort. gebaut in den zwanziger Jahren, muss es, wenn man dem Romancier Joseph Roth traut, nach dem 1. Weltkrieg ein wirrer Ort von Abenteurern und Gestrandeten gewesen sein.

Das Hotel Savoy in der Traugutte 6

Das Hotel Savoy in der Traugutte 6

Der Held des Romans „Hotel Savoy“ beschreibt, wie er nach drei Jahren russischer Gefangenschaft in Lodz landet, weil er von einem dort lebenden reichen Onkel Geld für die Weiterreise nach Wien erhofft. Mit nichts als ein paar Lumpen auf dem Leib, einigen Münzen in der Tasche, kehrt Gabriel Dan ein. Das Hotel teilt seine Bewohner in Klassen nach den Etagen und den Erwerbsquellen. Eine myteriöse Rolle spielt der Aufzugsführer. Aber mehr will ich nicht verraten.

Blick in den Aufzugsschacht.

Blick in den Aufzugsschacht.

Gabriel Dan wohnt im billigsten Zimmer unter dem Dach, eine Etage unter einer jungen Tänzerin und neben einer verarmten Familie. Sein Leben dreht sich bald um zweifelhafte Spekulationen, das allabendliche Varietè, die Bittgänge zum reichen Onkel, die Herüberschwappende Revolution, Planlosigkeit, Ausweglosigkeit, Hoffnungslosigkeit und Fatalismus. Dem Leser bereitet sich die gedankliche Leere eines durch die Wirren von Krieg und Gefangenschaft abgestumpften jungen Mannes aus.

Flur vor meinem Zimmer.

Flur vor meinem Zimmer.

Das Hotel Savoy, zwei Sterne, kann man auch heute noch in unterschiedlichen Preiskategorien buchen. Gewiss, die Demokratisierung und die Zeiten sind auch an den Preise nicht vorübergegangen. Ich nehme ein Einzelzimmer mit Blick in den ewig schallenden Hinterhof und zahle für drei Nächte mit Frühstück zusammen immer noch bescheidene 90 €. Ja, das Hotel würde heute immer noch als Kulisse für den Film taugen, den es zu dem Roman geben könnte, allerdings nur zu den Kapiteln, die von der Armut handeln.

Hinterhof

Hinterhof

Nach Lodz fahre ich, weil ich zu Orten der „Schlacht bei Lodz“ recherchiert habe. Es war eine groteske und sehr riskante militärische Operation, sie tobte im Wesentlichen zwischen dem 11. und 24. November 1914, die für die Deutschen in einem Desaster endete, welches letztlich durch die Propaganda als „geglückte Rettung“ der von Einkesselung bedrohten Truppen qualifiziert wurde.

Zunächst wurde der Versuch, die Stadt mit schnell vorgetragenen Angriffen zangenartig von Nordosten und Westen zu umfassen, von den sich mutig verteidigenden Russen verhindert. Die Deutschen Truppen standen nach einigen Tagen des erfolgreichen Vormarsches bei Eiseskälte in einem Korridor von mehr als 50 km Länge. Die Versorgung der Truppen mit Nachschub gestaltete sich äußerst schwierig. Immer wieder mussten sich die Einheiten nach drei Seiten gleichzeitig verteidigen, denn russische Truppen standen nicht nur in großer Zahl in der Stadt, sie kamen auch aus dem Umland von Süden und Osten den bedrängten Kameraden in Lodz zu Hilfe.

Die Ebene südlich von Lodz

Die Ebene südlich von Lodz

Auf russischer Seite standen Elitetruppen aus Sibirien. Die deutschen kämpften in Sommeruniformen. Selbst die Pferde hatten keine wintertauglichen Beschläge, so dass es immer wieder zahllose Tote gab, weil die Kolonnen an Böschungen und Furten wegen des Eises stecken blieben und zu einem leicht zu erfassenden Ziel wurden. Ohne Pferdefuhrwerk ging damals gar nichts. Munition, Verpflegung, Geschütze, Verwundete – alles war auf das Pferdefuhrwerk angewiesen. Schlecht ausgebaute Straßen verzögerten alle Bewegungen. Tumult, Orientierungslosigkeit, mangelnde Kommunikation der Truppenteile untereinander, schlaflose Nächte taten ihr Übriges. Verwundete erfroren in klirrender Kälte und eisigem Wind noch bevor sie verbluteten.

Die Deutschen hatten durchaus Vorteile: gut ausgebildete, sehr bewegliche Truppen. Es gab Einheiten, die trotz strengen Frostes und ausbleibender Verpflegung an mehreren Tagen hintereinander kämpfend und marschierend bis zu 50 km zurücklegten. Es gab ein im Vergleich zu den russischen Einheiten dezentrales, aber dennoch straffes Führungssystem mit modernen taktischen Prinzipien. Dadurch war es oft möglich, dass zahlenmäßig unterlegene Truppen, den Gegnern Paroli boten.

Es gibt einen Witz aus der DDR-Zeit über die Mangelwirtschaft: Wenn das Tischtuch zu klein ist, dann fasst es an den Ecken an und zieht es so schnell hin und her, dass man an jeder Ecke des Tisches den Eindruck hat, die Tischdecke sei groß genug.

So ähnlich agierten die Deutschen: Hinter der Front wurden Truppen mit der Eisenbahn hin und her gefahren, von Nord nach Süd, manchmal auch von Ost nach West, so dass es immer wieder gelang, die Gegner mit überraschend hoher Truppenstärke an bestimmten Abschnitten der Front zu verwirren.

In der Schlacht bei Lodz, so berichtet es das etwas chauvinistisch eingefärbte Werk „Die Schlacht bei Lodz“, mussten russische Gefangene in gleicher Ordnung wie die deutschen Truppen marschieren, die großen Pelzmützen absetzen, um so mehr deutsche Soldaten vorzugaukeln, als tatsächlich zur Verfügung standen.

Aber die Deutschen hatten (?) auch eine riesige Schwäche: Überheblichkeit.

Und immer wenn in den Schilderungen von „Schneid“, „Entschlossenheit“, „Tapferkeit“ die Rede ist, muss man sich angesichts der Ergebnisse fragen, ob die Generäle die Lage und die Aufgabe nicht kolossal falsch eingeschätzt haben, im Nachhinein Leichtsinn als Mut betitelten.

Die Deutschen angeschlagenen und sich heftig wehrend, erlebten also ein Desaster und konnten mit Mühe und Not ihre Truppen aus dem tödlich Korridor, einem Viertelkreis im Südosten der Stadt, den sie sich erstritten hatten, zurückführen. Trotz der Gefangenen, die sie machten und derer sie sich rühmten, ein tödliches Unterfangen für alle Beteiligten.

Doch die Geschichte beliebt zuweilen zu scherzen: die Russen zogen sich wenige Tage nach dem Abebben der Schlacht, am 6. Dezember 1914 sang- und klanglos aus Lodz zurück und überließen die Stadt den Deutschen letztlich kampflos. Frontbegradigung nannte man das schon damals.

Unter den Nazis wird die Stadt später umbenannt, in Litzmannstadt. Ein Witz, denn General Litzmann taucht in den 1918 verfassten frühen Chroniken nur als Randfigur auf. Das spätere NSDAP-Mitglied wird von den Nazis offenbar als „Held von Lodz“ benötigt, möglicherweise, um diesen Ort des deutschen Debakels sprachlich zu begraben.

 

Die Sprache – lingua secundi imperii

Diktaturen erkennt man an ihrer Sprache. Auch die alten Freunde der Diktatur verraten sich so. Neben dem üblichen Martialischen, mit dem man den Krieg zu dramatisieren sucht, ihm etwas heroisches abzugewinnen bemüht ist, gibt es jede Menge an Euphemismen und Verharmlosung.

Da wird ein Dorf nicht unter hohen Verluste gestürmt, es „wird genommen“. Das klingt, als hätte sich der General ein zusätzliches Stück Würfelzucker mit der Zange gegönnt, als hätte jemand beiläufig in das Regal der Kaufhalle gegriffen. Das Wort ist so sauber, souverän und belanglos zugleich.

In der bescheidenen militärischen Bildung, die das Schicksal mir in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts bescherte, wurde mir beigebracht, dass ein Angriff der Infanterie regelmäßig zu einem Verlust (Tote und Verletzte) von bis zu achtzig Prozent der beteiligten Soldaten führt. Und das selbst nach gründlicher Artillerievorbereitung.

Artillerievorbereitung. Wieder so ein Wort. Das hört sich an wie das sorgfältige Schnüren von frisch geputzten Fußballschuhen. Es meint aber die Beschießung gegnerischer Stellungen so lange, bis der dort vermutete Feind das Ende des Feuers und den beginnenden Angriff geradezu herbeisehnt.

Wir mussten die Truppe zurücknehmen.“ Das klingt so sauber und planvoll, als hätte der oben erwähnte General sich mit dem Würfelzucker verzählt und lege aus Sparsamkeit und Bescheidenheit das überzählige Stück zurück in die Dose.

Der Satz meint aber Rückzug, Flucht, vielleicht auch Panik und Todesangst.

Manch Tapferer blieb auf dem Felde…“. War er eingeschlafen? Hatte er bei einem Nickerchen den Feierabend verpasst? Oder blieb er in Gestalt blutiger Fetzen liegen, am Boden verstreut? Blieb er liegen, schreiend vor Schmerzen oder schreiend vor Schmerz und Angst zugleich, weil ihm keiner mehr helfen konnte, keiner sein Leben für Hoffnungslosigkeit riskieren wollte und der Feind immer näher rückte? War er gelähmt vom unerbittlichen Frost, fallendem Blutdruck?

Die Tapferkeit, der Schneid, die Kühnheit – diese Begriffe tauchen oft auf, wenn man das Versagen der Großen auf die Verzweiflung und Ausweglosigkeit des Einzelnen herunter bricht. Wohl der Zeit, die keine Helden braucht (Brecht). Und Schande über jeden Kommandeur, der seine Schwächen den einzelnen Soldaten büßen lässt. Vom „Raushauen“ ist dann die Rede.

Es gibt nur Heldenmut und nie den Mut der Verzweiflung. Es gibt Kameradschaft, Aufopferung. Aber wo bleiben die Arschlöcher? Die Idioten? Hat es die in der Truppe nicht gegeben? Oder haben die die ersten Wochen des Krieges nicht überlebt, es daher nicht in die Chroniken geschafft?

 

 

Drei Kaiser

Es gibt eine Landmarke in Polen, die einst Jahr für Jahr Millionen an Touristen anzog. Die Stadt Myslowice war das Mekka für den kleinen Grenzverkehr, für tausende Schmuggler und auch für Auswanderer. Östlich von Katowice gelegen, an der stark befahrenen Bahnlinie von Wrozlaw nach Krakow, fließen die schwarze und die weiße Przemsa zusammen. Warum diese Flüsse mit „schwarz“ und „weiß“ bezeichnet wurden und nicht mit „braun“ und „dunkelbraun“, was der Realität näher käme, weiß ich nicht. An dem Ypsilon, welches die zusammenfließenden Flüsse bilden, befand sich vor 100 Jahren das Dreikaisereck. So genannt, weil sich hier das russische Zarenreich mit Österreich-Ungarn und Deutschland an einem imaginären Punkt im Wasser berührten. Dreimal Grenze im Fluss, drei Kaiserreiche und ein blühender Grenzhandel.

 

Nach dem ersten Weltkrieg war dieser Ort nur noch ein symbolischer, denn gleich drei Kaiserreiche waren untergegangen. Und auch der Bismarckturm, den man hier errichtete, als die Gegend noch deutsch war, musste neuen Symbolen weichen, als das Land endlich polnisch wurde.

Dreikaisereck am Zusammenfluss der Schwarzen und Weißen Przemsa

Dreikaisereck am Zusammenfluss der Schwarzen und Weißen Przemsa

Immerhin – das Dreikaisereck gibt es noch. Auch wenn es sich unter einer alten Bahnbrücke versteckt, es ist sogar durch einen Obelisken markiert. Von den zahllosen Ausflugslokalen, die es in der Umgebung gegeben haben muss, sind nur noch traurige Reste geblieben.

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Und auch Myslowice ist ein wenig traurig. Wir haben im Hotel „Troijak“ übernachtet. Nach einem typisch polnischen Hotelfrühstück (viel fettige Wurst, beinaheflüssiges Rührei, Obst nur in Gestalt von Marmelade – aber die Nacht für bescheidene 25,00 €) besuchen wir eine Dame im Stadtmuseum. Sie präsentiert uns viele alte Postkarten aus der Glanzzeit von Tourismus und Schmuggel, vor allem jedoch ein Konzept zur touristischen Wiederbelebung der Gegend, mehrzweckhallengeprägt, vom Segen zukünftiger Kongresse beseelt, an die sie selbst nicht so ganz glauben mag. Denn während die drei Kaiserreiche in der Gegend dank des Schmuggels und dank dem Geschäft mit den Auswanderern lange Jahre friedlich für Wohlstand sorgten, sind jetzt drei polnische Gemeinden hoffnungslos zerstritten. Keiner hat die notwendigen Eigenmittel für den Abruf der EU-Gelder und bevor einer als erster beginnt, beginnt man gar nicht mit der Umsetzung der bunten Pläne.

 

Ich habe Mateusz, einen polnischen Freund, an diesen Ort begleitet, weil ich der Auffassung war, dass es hier im 1. Weltkrieg Kämpfe gegeben haben musste. Den Russen standen gleich zwei Armeen gegenüber. Die ganze Gegend voller Kohlegruben, Chemiefabriken, Textilindustrie, eine strategisch wichtige Eisenbahnlinie. Und dann noch Flüsse, die es zu verteidigen oder zu überschreiten galt, denn Flüsse waren den Militärs damals durchaus eine Überlegung wert, sie bildeten noch echte Hindernisse, mit denen man kalkulieren konnte, kalkulieren musste.


Doch niemand kann sich an die Ereignisse um 1914 erinnern. „Es wurde nicht gekämpft“, sagt die Frau vom Museum. Ich kann das nicht glauben. „Alle Kriege beginnen mit Grenzüberschreitungen, und Österreicher und Deutsche haben die Grenze vermutlich auch in dieser Gegend überschritten mit dem Ziel, zur Weichsel vorzustoßen.“ „Ich weiß davon nichts“, sagt die Frau. „Sind die Russen einfach abgehauen aus dieser ehemals wohlhabenden Ecke?“, setze ich nach. Die Frau zuckt die Schultern. Der vergessene Krieg. Die vergessene Zeit.

 

Denkmal für ein Denkmal - der Findling erinnert an den Standort des Bismarckturmes, der in den dreißiger Jahren abgerissen wurde. Die Tafel auf dem Stein ist verschunden, weil es Streit um den Text gibt.

Denkmal für ein Denkmal – der Findling erinnert an den Standort des Bismarckturmes, der in den dreißiger Jahren abgerissen wurde. Die Tafel auf dem Stein ist verschwunden, weil es Streit um den Text gibt.