Archiv für den Monat: April 2013

Gas

Ich recherchiere zum kleinen Ort Bolimow. Er liegt zwischen Lodz und Warschau ziemlich genau in der Mitte Polens an der neuen A2. Der Ort hat traurige Berühmtheit erlangt, weil in der Nähe von Bolimow erstmals im 1. Weltkrieg an der Ostfront Giftgas als Kampfmittel eingesetzt wurde.

Wikipedia

Der erste große Chlorangriff an der Ostfront fand bei Bolimów in Polen am 31. Mai 1915 mit 12.000 Flaschen (also 240 Tonnen Chlorgas) statt. Allerdings wurde bereits bis zu ca. 5 % Phosgen beigemischt. Weitere Angriffe waren am 12. Juni und am 6. Juli 1915. Der erste Blasangriff an der Westfront mit einer Chlor-Phosgen-Mischung erfolgte am 19. Dezember 1915 bei Wieltje in Flandern gegen die Briten mit 180 Tonnen Giftgas. Ebenso wurden Chlor-Chlorpikrin-Gemische abgeblasen, wobei der erste Angriff mit Chlorpikrin von den Russen geführt wurde.

Was finde ich bei der Internet-Recherche zu diesem Ort? Ein mit Heldenmusik unterlegtes Ballervideo http://www.youtube.com/watch?v=p9KdGpfhORM , welches die Ereignisse um 1915 nachstellt. Aber wer spielt eigentlich wen? Agieren lauter Polen? Oder haben sich tatsächlich und endlich Russen, Deutsche und Polen bei aufregenden Männerspielen irgendwie friedlich zusammengefunden?

Der Tod ist präziser geworden

Ich suche nach Orten des Todes, nach Orten des Verderbens. Ich möchte den Krieg dort stellen, wo er wirklich stattgefunden hat.

Das sind nicht die Friedhöfe mit den säuberlich aufgereihten Kreuzen. Das sind nicht die Gedenksteine mit schöner Aussicht ins Land. Selbst der Stein im Wald, der den Ort markiert, an dem man den russischen General Samsonow tot auffand, nach der Niederlage in der Schlacht bei Tannenberg, beschreibt nur einen Teil der Wahrheit. Samsonow hatte sich erschossen – aus Verzweiflung über den Verlust der Ehre, aus Solidarität mit den tausenden gefallenen Russen, aus Furcht vor dem Kriegsgericht? Wir werden es nicht erfahren. Wirklich gestorben wurde weitab von dieser Stelle auf dem freien Feld, in den Schützenlöchern.

In den Beschreibungen der Gefechte finden sich die Namen von Dörfern, Flüssen, Bächen, Seen, Eisenbahnlinien. Die taktischen Skizzen zeigen die Symbole der Einheiten und ihre ungefähre Bewegung. In den Beschreibungen der Kämpfe gibt es Karten, auf denen mit Kreisen und Ziffern im Gelände die Zahl der gefangenen Russen vermerkt wurde. Die Zahl der Toten findet man nur in den Randbemerkungen, gleich neben der Zahl der verlustig gegangenen Pferde.

Gut, die Masse der Chronisten schrieb über fremdes Terrain. Selbst als die Deutschen die von den Russen besetzten Orte in den Masuren zurück eroberten, fand niemand Zeit, die Straßennamen zu notieren.

Über die Besetzung des Dorfes Chelmno bei Lodz lese ich

Rechts von der Kirche, aus der etwa 60 Russen hervorgeholt wurden (lebendig, verwundet oder tot? d.A.), verhinderte ein Teich die weitere Flucht. Viele Feinde fanden hier ihren Tod.“

(aus „Der große Krieg in Einzeldarstellungen. Die Schlacht bei Lodz“ Oldenburg 1918, S. 20)

Eric Pawlitzky-4932

Rechts von der Kirche – kannten die Militärs keine Himmelsrichtungen?

Heute stehen die Kreuze mitten in Deutschland an gefährlichen Kurven der Bundesstraßen, darauf die Namen der Toten, manchmal Bilder, Blumen, Kerzen, Kuscheltiere.

Man kann dem Tod zusehen, mit dem Auge der Bordkamera, auf dem Video der Drohne mit frischen Daten aus dem GPS. Der Tod ist präziser geworden.