Archiv für den Tag: 14. März 2013

Aufruf

Ich möchte Menschen finden, die sich daran erinnern, vor knapp 100 Jahren in Polen Angehörige verloren zu haben. Zivilisten, Militärs – gestorben ist zuletzt der Mensch.

Aber kaum jemand weiß davon. 300 E-Mails ohne Ergebnis. Facebook ein fake.

Ein Freund erzählt: mein Urgroßvater stieg aus dem Zug. „Wo sind sie denn nun, die Russen?“ Einen Moment später war er tot.

Wer sind die Nachfahren der anderen Toten? Von 13 Millionen deutschen Soldaten blieb mehr als jeder zehnte im Feld. Bei den Russen waren es noch mehr. Die großen Totmacher waren Artillerie, Seuchen und Hunger. Mann gegen Mann? Das war die Ausnahme.

Ist man ohne Grabstein verloren in der Erinnerung der Überlebenden?

Oskar Neukirch in Polen 1915

Mein Urgroßvater Oskar Neukirch als Soldat am 15.06.1915 in Konopka (Polen, Masuren). Obwohl er zeitlebens nur als Hilfsarbeiter tätig war, hatte er einen beachtlichen politischen Sachverstand. Als Hitlerdeutschland 1941 die Sowjetunion überfiel, sage er, offenbar geprägt durch seine Erfahrungen aus dem 1. Weltkrieg, den baldigen Untergang Nazideutschlands voraus – so die Überlieferung meiner Großmutter.

Prolog

Ein Achtel der deutschen Armee hat im ersten Weltkrieg gegen Russland gekämpft, gegen Truppen, geführt von des Kaisers Cousin . Lange Zeit auf dem Territorium des heutigen Polen.

Meine Mutter spricht vom Urgroßvater, der in Russland war. Aber Urgroßvater war in Polen. Und Polen durfte nicht Polen sein, damals und später wieder nicht.

In Tannenberg ein großer Sieg für die Propaganda, dann fraß sich die Knochenmühle vor Verdun fest.

Die Bilder vom Krieg in Polen sehen friedlich aus. Gefangene Russen wie ein Teil des Waldes, der sich endlos hinzog. Verdun ungeheuerlich wie gestern. Aber wo liegt Tannenberg?

Ich möchte die Orte des Todes finden auf harmlosen Wiesen, in schweigenden Wäldern, an Bahngleisen, am Straßenrand. Ich möchte den Orten ein Gesicht geben, wenn denn schon die Namen vergessen sind. Aber wenn wir die Orte vergessen, vergessen wir den Tod, die, die ihn brachten, die, die ihn litten.

Am schlimmsten sind die vergessenen Kriege. Sie sind gefährlich bis heute, weil sie sich so gut versteckt haben. Weil man nichts mehr sieht, nichts mehr hört.

Ich will die Orte finden, fotografieren.

Die Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit fördert meine Recherchen mit einem Stipendium. Das ist wahre Freiheit und ein schöner Beweggrund zugleich. Viva Polska!

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